Ausgabe August 2014 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 6 August 2014

Für die August-Ausgabe von Einunddreißig habe ich aus den Einsendungen eine Auswahl von 18 Tanka getroffen und zwei meiner eigenen Texte beigestellt. Ein Tanka, das mich besonders angesprochen hat, habe ich hervorgehoben und kommentiert. Als Sonderbeiträge erscheinen die Tanka-Prosastücke "Auf der Jagd", "Gespinste" und "Schwelle zum Schlaf", die Tanka-Bilder "Gänsekeile" und "Krypta" sowie ein Leserbrief und fünf Kyoka von Horst Ludwig.

Editorial

Wenn wir in einigen Jahren auf den Sommer 2014 zurückblicken, was wird uns wohl im Gedächtnis geblieben sein? Neben den persönlichen Erfolgen und Tragödien, die jeder einzelne von uns durchlebt hat, gibt es auch Ereignisse, die sich durch ihre große mediale Präsenz in unser kollektives Gedächtnis einbrennen. Stellt man die Frage nach einem solchen Ereignis, würde man in den Niederlanden wohl den Abschuss von MH17 genannt bekommen, in Gaza die israelische Offensive und in Sierra-Leone den Ausbruch der Ebola-Epidemie.
Stellt man die gleiche Frage jedoch in Deutschland, wird die Antwort wohl der Gewinn der Fußball-WM lauten. Ein seltenes Schauspiel, das zwar nicht wie der Halleysche Komet normalerweise nur einmal im Leben zu beobachten ist, aber doch mit gewisser Regelmäßigkeit lediglich einmal je Generation auftritt. Neben dem, was sich auf dem Platz abspielt, ist es doch genau so interessant, was neben diesem passiert, vor allem mit uns selbst. Aus bekennenden Fußball-Verweigerern werden Bundestrainer, ganze Ortschaften verwandeln sich stundenweise in Geisterstädte und wildfremde Menschen versammeln sich zum Gemeinschaftsschauen um das große Wir-Gefühl zu erleben.
Auch farblich vollzieht sich eine Metamorphose der ganz besonderen Art: Schwarz-Rot-Gold auf den Wangen,
Schwarz-Rot-Gold an den Häusern, Schwarz-Rot-Gold in den Supermarktregalen und Deutschland, Deutschland überall. Auch das Befestigen von Fähnchen am eigenen Auto ist mittlerweile zu einer eigenen Tradition geworden, teilweise mit dem Charakter eines Wettkampfs um das am stärksten beflaggte Fahrzeug. Ebenso beeindruckend: Vom einen auf den anderen Tag, ist der ganze Spuk vorbei. Das Deutschland-Trikot wird wieder gegen den Anzug getauscht, das Gemeinschaftsgefühl gegen den Egoismus.
Was aber bleibt neben der Erinnerung an Tore, rote Karten und Fehlentscheidungen, ist für den aufmerksamen Beobachter doch die eine oder andere Szene abseits des Spiels. Ich erinnere mich, gleich zu Beginn der WM bei einem Bummel in meiner Stadt ein Auto gesehen zu haben, das auf der Fahrerseite mit einer deutschen Fahne und auf der Beifahrerseite mit einer russischen Fahne dekoriert war.
Vielleicht sollten wir uns daran ein Beispiel nehmen, wenn es um den Umgang mit dem Tanka geht. Wir als Westler, die Tanka lesen und schreiben, dürfen gern unsere eigene Fahne neben die japanische hängen. Es muss kein Entweder-oder geben, bei dem man sich zwischen den Gepflogenheiten und Traditionen des Tanka in Japan auf der einen Seite und der eigenen Kultur auf der anderen Seite entscheiden muss. Das Tanka mit seinen japanischen Wurzeln ist inzwischen im Westen angekommen. Wie jeder einzelne diese Gegebenheiten interpretiert und umsetzt bleibt eine spannende Frage, auf die sich in der neuesten Ausgabe von Einunddreißig, vielleicht die eine oder andere Antwort finden lässt.

– Tony Böhle

Sonderbeiträge

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Ich wünschte es würde
ihn jemand erschießen:
den wilden Affen
der da tobt
in meinem Kopf!
                 – Frank Dietrich

Die Frage, was in den Köpfen anderer Menschen vorgeht, beschäftigt mich des Öfteren. Was sich hinter einem freundlichen Lächeln oder netten Worten wirklich verbirgt, bleibt aber meist ein Geheimnis. Dennoch - wäre es wirklich so wünschenswert immer die Gedanken der anderen zu kennen?
Die Schilderung des geistigen Zustandes in drastischen Bildern ist ein schon häufiger gewähltes Thema im Tanka. Eines der bekanntesten Beispiele hierfür dürfte wohl von Ishikawa Takuboku stammen:
Irgendwie / ist mir / als ob / in meinem Kopf / ein Steilhang wäre / täglich weiter / abbröckelnd *
An diese Reihe schließt sich Frank Dietrichs eindrücklich gewähltes Bild eines tobenden Affen an. Den meisten wird der Anblick eines tobenden Affen aus dem Zoo bekannt sein. So wie ein Affe vor Wut rast, würden wir uns sicherlich auch manchmal gern gehenlassen, doch wir haben gelernt uns zu beherrschen. Auch wenn es ein populäres Missverständnis von Darwins Evolutionstheorie ist, dass der Mensch vom Affen abstamme, führen uns Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans doch immer unsere eigene Natur vor Augen und dass in jedem von uns noch immer ein wildes Tier steckt.
Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang, dass es im Zen-Buddhismus den Begriff des „Affengeistes“ für unsere alltäglichen Gedanken gibt, der sich wie ein Affe von einem Ast zum anderen schwingt, uns niemals zur Ruhe kommen lässt und den schließlich die Meditation stoppen soll.
Was letztendlich dieser tobende Affe im Kopf ist, bleibt hier unausgesprochen. Möglicherweise aufgestaute Wut über ein alltägliches Problem, die Arbeit oder Kollegen, die sich plötzlich entlädt oder die Gedanken an eine bestimmte Sache, die im Kopf Amok laufen und uns den letzten Nerv rauben oder ein schlechtes Gewissen?
Eine Konkretisierung ist hier gar nicht notwendig – im Gegenteil: jeder von hat die Erfahrung seines eigenen tobenden Affen im Kopf gemacht. Ihn hier mit einer Situation zu benennen, würde dieses universell verständliche Bild und die dabei wachgerufenen Gefühle nur verwässern. Was am Ende bleibt, ist nur noch der Wunsch nach Ruhe, einer endgültigen Lösung, denn was könnte endgültiger sein als Erschießen? In diesem Zusammenhang scheint sich das Lyrische Ich seiner eigenen Ohnmacht bewusst zu sein. Schließlich ist da nur die vage Hoffnung auf einen „jemand“, der dieser Situation ein Ende bereitet.

* aus: Trauriges Spielzeug: Gedichte und Prosa von Irmela Hijiya-Kirschnereit, Wolfgang Schamoni und Takuboku Ishikawa. S. 83, Insel Verlag, Frankfurt am Main, Leipzig 1994.

Tanka-Auswahl August 2014

Dem silbernen Klang
des Kristalles lausche ich
und denke an sie
die diese Gläser hegte
für das Glück das niemals kam
                 – Valeria Barouch

Ich wünschte es würde
ihn jemand erschießen:
den wilden Affen
der da tobt
in meinem Kopf!
                 – Frank Dietrich

Wir dürfen uns nicht
aus den Augen verlieren
heisst es beim Abschied –
Einmal im Jahr gibt es dann
einen Daumen auf Facebook
                 – Valeria Barouch

mein weißes Hemd!
wie es da zerrt und zappelt
an der Leine!
ist’s wohl ein böser Geist
der ihm innewohnen mag?
                 – Tony Böhle

spelen met de zee
hoe golven blijven trekken
en overspoelen
de mensen gaan weer huiswaarts
het avondrood houdt ons vast


Wellenspiele
wie sie hinausziehen
und heranrollen
die Leute gehen heimwärts
uns hält noch das Abendrot

                 – Tini Haartsen-Slappendel
                    Übersetzung: Ingrid Kunschke

die Krawatte,

den Anzug, das Hemd…
so ganz und gar
beraubt seiner Rüstung
was bleibt da noch vom Krieger?
                 – Tony Böhle

der Star
in einem Horrorfilm
der Floh
unter dem Mikroskop
springt mir entgegen
                 – Silvia Kempen

spatzen tschilpen
die amseln offenbaren sich
signale der schwalben

von dir aber
höre ich keinen laut
                 – Gerald Böhnel

die Vertrautheit
dieser fremden Stadt

was ist es nur,
dass mich hier berührt
und nicht mehr los lässt
                 – Silvia Kempen

Strohreste
ein schmutziger Streifen Stoff
im Gezweig der Weide

Fern
blinkt der Fluss
                 – Reiner Bonack

Parallelwelten –
manchmal scheint es mir gut
den Weg
zu kennen, um manchmal
dort auszusteigen
                 – Silvia Kempen

Im Stadion
die Nationalhymne
davor
der Kampf
um leere Flaschen
                 – Reiner Bonack

Johannisfeuer –
aneinandergeschmiegt
schweigen
und als ich mich abwenden will
ein unerwarteter Kuss
                 – Ramona Linke

auf altem Gleis
im Takt der Güterzüge
schläft die Stadt
noch richtet kein Rentner
seine MagLite in den Müll
                 – Ralf Bröker

Sind unsre Augen
denn nichts als wilde Hunde,
die Dinge jagen?
Aufspüren können sie wohl,
doch niemals wirklich fassen!
                 – Conrad Miesen

Kellerfund
nennt er das Fotoalbum
um die 100 Jahre
zeigt wohl seine Urgroßeltern
steht in der ebay-Beschreibung
                 – Ralf Bröker

Nolde in Japan:
der Fisch war unbekömmlich,
die Geishas zu jung
und müd‘ vom Sehn die Augen –
sein Pinsel meist unberührt.
                 – Conrad Miesen

Termin bei Gericht.
Die Kamera im Eingang
lächelt nicht zurück.
Ungezählt die Strauchelnden,
Motten gefangen im Licht.
                 – Beate Conrad

Seltsamer Krimi:
den Täter freigelassen,
Morde revidiert
und am Ende heile Welt –
beim zurückgespulten Film.
                 – Conrad Miesen

Es gibt Tiefseefische
deren Männchen leben als
Parasit vom Weibchen.
Manchmal, nur manchmal,
bin ich so ein Fisch.
                 – Frank Dietrich

 

Auf der Jagd

Schon lange vor meiner ersten Reise nach La Palma hatte ich wunderliche Dinge über die mächtigen, grünen Riesen der Gattung Drachenbaum (Dracaena draco) gehört. Eigentlich ein lebendes Fossil, denn diese Pflanzengattung starb vor rund drei Millionen Jahren aus. Nur im milden Klima der Kanaren konnten einige Exemplare überleben, wobei der Drago im Grunde gar kein Baum sondern eine Lilienart aus der Vorzeit ist.
Im Nordosten der Insel La Palma sollte es laut Reiseführer unweit des Dorfes La Tosca eine ganze Plantage von solchen Drachenbäumen geben, weshalb wir uns schon bald nach der Ankunft in diese Region begaben. Holperwege durch unwegsame Schluchten und wilde Waldgebiete wurden dabei durchquert, zum Teil auch unbeleuchtete, enge Tunnelanlagen, die von außen wie der Schlund zur Hölle und von innen sehr bedrückend wirkten.
Mehrfach kehrten wir wieder um, weil wir das Dorf La Tosca offensichtlich verfehlten, ganz besonders aber die über 30 Exemplare der Gattung El Drago.
Den Ort La Tosca hatten wir (rein zufällig?) dann bei der Rückfahrt nach Barlovento doch noch gestreift, sahen dort aber nur zwei winzige Exemplare von Drachenbäumen am Wegrand. – Am Tag darauf wurden wir im Nordwesten beim Umrunden der Insel auf der Küsten-Route kurz vor dem Dorf Puntagorda noch fündig. Endlich bekamen wir ein Zwillingspaar der uralten Drachenbäume mit knorrigen Stämmen und den schwertförmigen Blättern des Riesen-Schopfes zu Gesicht. Dieser Zwillingsbaum, von einer Mauer halb umringt, ragte ein Stück über den Abgrund. Tief ging der Blick von ihm aus in eine der typischen Kanaren-Schluchten, genannt Barranco, hinein.

    Zwillings-Drachenbaum.
    Von einem Blitzschlag halbiert,
    der eine Bruder.
    Jämmerlich blöken Ziegen
    am Abgrund des Barranco.

Respektvoll näherte ich mich "Senor El Drago" und betastete seinen schuppigen Leib und das an manchen Stellen hervorgequollene, ausgehärtete Harz, das blutrot ist und von den Guanchen, den Ureinwohnern der Kanaren, zur Mumifizierung ihrer Toten benutzt wurde. Drachenblut, sagten sie einst. Steinhart, dieser Baum, und steinalt.
Ich Winzling weiß keinen rechten Namen für das Geheimnis.

– Conrad Miesen

Gespinste

Spinnen, sagt man, reisen mit Leichtigkeit von Küste zu Küste. Am Ende eines Seidenfadens schweben sie auf nichts weiter als einem günstigen Wind übers Meer. Gelangen sie auf eine karge Insel, verlassen sie sich einfach wieder auf den Wind — oder gehen zu Grunde und werden zu Futter für spätere Gäste, die dann etwas länger bleiben mögen.

Die Fäden, die ich hinter mir abspule, sind nicht aus Spinnenseide. Und dennoch, seit unserer schläfrigen Umarmung verbinden sie mich zuverlässig mit meinen Kindern. Bahntüren sind zischend zugeklappt, eine Gangway wurde hinter mir geschlossen: Es hat ihnen nichts anhaben können. Endlich im Flugzeug reise ich jetzt schwindelerregend hoch und schnell gen Osten.

Fliegt diese Maschine wohl schnell genug, dass ich die Uhr auf die Zeit unseres Abschieds werde zurückdrehen können? Oder wäre das in gegenläufiger Richtung? Nun, ich schätze 
 ja. 

Aber nichts in den Weiten des Himmels wird mich daran hindern, über diese Aussicht nachzusinnen. Wäre ich noch daheim, ich bliebe. Da dies nun beschlossen ist, lehne ich mich zurück und verliere mich in wohligen Gedanken an meine schlafenden Kinder.

    meine Tochter
    ergreift Pegasus’ Mähne,
    ihr Bruder
    nimmt Kurs auf Mars: ah,    
    wundersame Traumesflügel!

Später kommt mir Vater in den Sinn, wie er von Geschäftsreisen heimkehrte. Er zog seine Schuhe aus, ließ sich auf die Couch fallen. Meine Schwester und ich, beide schon im Schlafanzug, erwarteten ihn 
 und die Zuckertütchen, die er bestimmt bald aus seiner Hemdtasche zaubern würde.

Erstes Tageslicht sickert durch die Fenster des Fliegers und taucht alle an Bord in eine rosige Glut. Druck auf den Ohren.

    dort unten
    mit der Sonne aufgestanden
    Kyushu
    schüttelt seine Decke
    aus Zuckerwatte auf

– Ingrid Kunschke

Erstveröffentlichung als „Gossamer“ in Modern Haibun & Tanka Prose, herausgegeben von Jeffrey Woodward. Nr. 2 – Baltimore, Maryland: Modern English Tanka Press, 2009, S. 76. Übersetzung: Ingrid Kunschke

Schwelle zum Schlaf


    Fallende Tage...
    allein dem silbergrauen
    folgt eine Flocke,
    ihr Kirschblütenlächeln, das
    sich an keiner Welle bricht

nurmehr ein winziger Hauch, wenn sich überhaupt von einer Bewegung der Zwischenräume sprechen ließe, in die nun das Gespräch mit lang verhaltenen Schatten fällt. Eigentlich ist es auch mehr ein stilles Wispern, das von einzelnen Blättern klingt,  von Blättern, die wohl keine Blätter sind, denn sie fliegen auf, um den einen Baum kahl zurückzulassen, um sich alsdann an einem anderen krönend zu halten und wieder einem weiteren zuzuschwärmen, für eine kleine Weile. Nur die Sonne leckt schon leicht am Horizont, den Löffel am Mund, der viel zu laut geworden, als daß man noch verstünde, wie zwischen allem gestellt das Gewebe dieser Welt.


    Doch jene Dame
    geht langsam an ihren Platz,
    indem sie versinkt,
    verwechsle ich mich mit ihr
    und neig's Gesicht ins Dunkle.


– Beate Conrad

Gedanken zu einem Tanka von Beate Conrad

Das Tanka

    Bei uns zu Hause
    flüstern sie einander zu,
    Bäche und Weiden,
    wie die Erde schwingt, als ob
    Mutter uns im Schlafe singt


das Einunddreißig in der Frühlingsnummer gebracht hatte und gleich darauf von Sommergras in eine Zusammenstellung diesen Juni übernommen wurde (S. 63), ist in der Tat bemerkenswert. In klarem, ungezwungenem Deutsch mit ungewöhnlich schönem Klang wird ein jedem verständlicher Sachverhalt zur Sprache gebracht, wobei die Segmentlängen und deren Verteilung das Gedicht deutlich als Tanka erkennen lassen. Und nicht nur sind jedem Leser die Wörter vertraut, es sind auch Wörter, die Vertrautes anzeigen und Vertrauen erwecken: uns, zu Hause, einander, Bäche, Weiden, Erde, Mutter, im Schlafe, singt. Auch "flüstern" deutet hier keine Bedrohung oder Furcht an, sondern eine feine Einstellung, daß nichts gestört werden möge und nichts sich aufdrängen wolle. Bemerkenswert sind die Menschen in diesem Text.  Wörtlich haben wir "Mutter" im letzten Segment, und niemand kann einem vertrauter sein als die Mutter. Aber wenn wir genauer hinhören, bemerken wir, wieviel Verschiedenes mit diesem Wort hier gemeint sein kann. Es kann die persönliche Mutter des inneren Sprechers sein, es kann auch jede Mutter sein, ja, es kann, so gleich nach "Erde" im vorausgehenden Segment, auch die Mutter Erde sein. 
 Auch "uns" ist bemerkenswert: Es setzt einen inneren Sprecher voraus, der sich zwar letztlich nicht alleine weiß, aber der zu jemandem spricht, der nicht so genau kennt, was hier mitgeteilt werden soll, sondern irgendwie aus einer doch etwas anders verstandenen Welt ist.  Da aber schließlich "Mutter uns [...] singt", können wir auch annehmen, daß der innere Sprecher auch die angesprochene Person in das "uns" einbezieht und nicht bloß als ausgelassenes Gegenüber sieht. Letztlich ist auch der Leser Teil dieses "uns",  ja, und sogar alle Menschen dieser Erde sind eingeschlossen, bei all ihrer Verschiedenheit. Welch eine große Zahl und verschiedene Art Menschen kommt hier mit nur einem Satzteil zur Sprache!
Zusammen gesehen sind auch "Bäche und Weiden", und sie stehen für alles, was heimatliche Landschaft ausmachen kann. Es ist nicht eine Urnatur, die hier zur Sprache kommt, es ist eine von Menschen und für Menschen gestaltete Natur, die ihm ein liebes Zuhause ist und wo Mutter ihr Kind in den Schlaf singt, weil das alles so natürlich ist, daß sie es selbst im Schlafe kann und auch tut. Derart schwingt die Erde zum Erhalt von allem, was hier "zu Hause" ist.
Aber: Wenn all dies Schöne, was einem doch direkt zu Herzen geht, nicht wahr, auch nicht gerade georgisch neuromantisch ist ("Erzvater grub, erzmutter molk"), 
 ist es nicht doch etwas sehr romantisch ("Es war, als hätt' der Himmel / Die Erde still geküßt" [mit Strukturgleichheit bis in den irrealen Vergleich hinein: als hätt' / als ob, - im Tanka aber mit der Wirklichkeitsform!]) und damit einer vergangenen Zeit angehörig? Nun, einmal dürfen wir nicht vergessen, daß die deutsche Romantik in vielem viel realistischer ausgerichtet war als wir heute nach Liedern aus der Wandervogelzeit und anderem Volksliedergut es uns vorzustellen geneigt sind (s. Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl), und zum andern entspringt dieses Tanka offen und ehrlich durchaus romantischem Gedankengut, und das heißt ja nicht, daß es in unserer Gegenwart mit falschem Zungenschlag spricht. Der Text benutzt als grammatische Zeit das Präsens. Aber dieses Präsens kann auch als eine Art historische Vergangenheit verstanden werden: Ich bin zwar nicht da, aber wenn ich da war, war es immer so, und für die allgemeine Richtigkeit dessen, was ich hier sage, stehe ich ein. Das Präsens kann aber auch eine nur vorgestellte Welt beschreiben: In derartiger Welt wären wir zu Hause, aber sie existiert nicht, und wir haben daher kein Zuhause. Es kann auch eine Vergangenheit beschreiben, wo das, was einmal ein Zuhause bot, jetzt verloren ist und schmerzlich vermißt wird, wo also, verglichen mit der besagten einfachen Wiedergabe mit allgemeiner Richtigkeit, ein wichtiges weiteres Moment mit zu Tage tritt: das Gefühl, mit dem etwas erfahren ist. Auch in Bezug auf das Strukturelement Zeit sehen wir also, wie mehrere Lesarten möglich sind und alle davon ihre Richtigkeit haben und sie zusammen weit mehr aussagen als nur eine bestimmte, die der Leser für sich vielleicht als einzige auswählte.
Mir ist zufällig bekannt, daß die Mutter der Autorin aus Oberschlesien und heimatvertrieben war und sie ihre Heimat nie vergessen konnte. In allem ihrem Gemüte war sie bis zu ihrem Tode halt Schlesierin und ist dadurch auch mir besonders verbunden geblieben. Auch ich trage in mir Erinnerung an die Bäche und Weiden, Wiesen, Wälder und Felder, an die Dorflinde, unter der "Schönster Herr Jesus" mit der "schlesischen Melodie" gesungen wurde, als Volkslied also, gar nicht bloß in der Kirche,  so daß der davon beeindruckte Universitätsprofessor es aufzeichnete und Auswanderer es in die ganze Welt mitnahmen, auch in den amerikanischen Mittelwesten, wo ich jetzt lebe und wo Kirchen- und Jugendchöre es heute noch singen, und die besten von ihnen auf ihren Welttourneen sogar auf deutsch,  auch ich weiß, wo "in einem kühlen Grunde" einem jungen Dichter das Herz bricht, was allen, die davon lesen, unvergeßlich bleiben wird, und wo Pippa in einem engen Tal so ausdrucksstark zu einfachen Melodien tanzt, daß forsche und erfolgreiche Welterfahrene es unter allen Umständen miterleben wollen und es selbst den unbeholfensten Alten aus dem Hinterland wirklich Großes erleben läßt. Was Beate Conrad  die das Leben übrigens auch in den amerikanischen Mittelwesten verschlagen hat  in ihrem Tanka schreibt, drückt also auch sehr Persönliches aus,  welches weiter dazu beiträgt, daß in diesem kurzen Gedicht für den Menschen allgemein Gültiges von "zu Hause" zur Sprache kommt,  ja, weil es schwingt und singt.

– Horst Ludwig

Kommerskyoka

Wie die Literaturgeschichte auch zu Senryu zeigt, entwickelt sich ja zu jeder ernsten literarischen Ausdrucksform immer eine unterhaltsame komische Variante, die eben die steife Form irgendwie benutzt, um das Volk auch wieder zum Lachen zu bringen, welches es dann auch tut, weil es halt doch volkstümlich ist und auch sowas seinen Lebensanforderungen entspricht, wenn es auch den Priestern des Ernstes des literarischen Lebens querliegt. Daß manches davon dann wieder doch ernstzunehmen ist, zeigen u.a. Shakespeares Komödien und in Japan einige Kyoka* und ein Kommers*, den ich zu meiner Studentenzeit in Berlin mal mitmachte, und wir sprechen dann von feinem Humor. Auf jeden Fall mache ich mir mit der Zusammenstellung dieser fünf Kyoka auch etwas Luft:


    Donald Duck* 
 na und?
    Selbst gut gebacken nichts mehr
    fürn nettes Essen.
    80 ist er aber viel
    wendiger als ich Jüngrer.

    Wie der Kleine ernst
    seinen Popel betrachtet:
    Rotzig, aber auch fest. 

    Mutters Drohung eingedenk
    schnippt er ihn schließlich von sich.

    Durchschnittsstudenten, 

    na klar, nicht jeder im Kurs,
    's wär auch viel zu schwer,
    sowas ganz genau zu sein.
    Durchschnittsstudenten eben.

    'ne Katze von links,
    das soll auch was bedeuten
    in nebliger Nacht.
    Klar weiß man, von rechts bringt's Schlechts...
    Vorsichtig fahr' ich weiter.

    Zu andrer Schwachsinn
    kann ich freier Mitbürger
    nur wiederholen:
    Redefreiheit braucht jeder, ...
    auch ich für meine Kyoka.


– Horst Ludwig

Fußnoten:
(1)  Kommers - ist eine hochoffizielle Feier, die vor allem bei Studentenverbindungen abgehalten wird
(2)  Kyoka - eine humoristische Variante des Tanka
(3)  
Donald Duck feierte am 09. Juni 2014 seinen 80. Geburtstag

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. November 2014. Der Einsendeschluss ist der 01. Oktober 2014.

 
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