Ausgabe Mai 2014 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 5 Mai 2014

Für die Mai-Ausgabe von Einunddreißig habe ich aus den Einsendungen eine Auswahl von 24 Tanka getroffen und einen meiner eigenen Texte beigestellt. Ein Tanka, das mich besonders angesprochen hat, habe ich hervorgehoben und kommentiert. Als Sonderbeiträge erscheinen die Tanka-Prosastücke "Besuch in Zelle 4" und "Unterwegs im Walsertal" von Conrad Miesen sowie die Tanka-Bilder* "Erdschatten" und "Tauwetterrauschen" von Beate Conrad und Horst Ludwig.

* Die Autoren haben den Begriff "Tan-Ga" vorgeschlagen, abgeleitet von "Tan" (= kurz) und "Ga" (= Bild). Im Japanischen gibt es den Begriff "Tankaga" (= Tanka-Bild), der sich jedoch nicht durchgesetzt hat. Ich habe deshalb in Analogie zum "Foto-Tanka" den Begriff "Tanka-Bild" gewählt.

Editorial

Es gibt einige Orte auf der Welt, deren Namen unauslöschlich mit einer Person verbunden ist – man denke nur an Waterloo, Bethlehem oder Memphis, Tennessee. Erwähnt man die Stadt Stratford-upon-Avon klingt bei uns sofort der Name Shakespeare im Ohr. Ein Umstand, den ich nicht umsonst erwähne, war es erst vor wenigen Tagen  die Geister streiten sich ob am 23., 24. oder 26. April , dass sich der Geburtstag des vielleicht größten Dichters der Welt zum 500. Male jährte.
Fast so bekannt wie Hamlet, Macbeth oder Romeo und Julia dürften mittlerweile auch die Zweifel einiger Experten daran sein, ob Shakespeare wirklich der Urheber all der Stücke ist, die seinen Namen tragen. Woher sollte der Sohn eines Handschuhmachers mit einer einfachen Ausbildung an der Grammar School das umfangreiche Wissen besessen haben, das zum Verfassen seiner Theaterstücke notwendig war? Immerhin gilt Shakespeare als der Autor mit dem größten Sprachschatz von über 20.000 verwendeten Wörtern. Fehlende handschriftliche Manuskripte, große Lücken in der Biographie und gerade einmal eine Handvoll eigenhändiger Unterschriften, die von Sachverständigen als ungelenk und ungleichmäßig bezeichnet werden, scheinen Fragen in diese Richtung zu befeuern. Obwohl die sich selbst als seriös bezeichnende Shakespeare-Forschung heute davon ausgeht, dass Zweifel an der Autorenschaft der ihm zugeschriebenen Stücke unbegründet sind, gibt es verschiedene Theorien, die seine Zeitgenossen Christopher Marlowe, Francis Bacon, William Stanley oder Edward de Vere als Verfasser hinter dem Namen sehen. Ungeachtet solcher Spekulationen hat uns Shakespeare ein großes Erbe hinterlassen  als Dramatiker wie Lyriker. Auch in der Gedichtform des Sonetts, das wahrscheinlich um 1250 auf Sizilien erfunden wurde und seine Ausbreitung über ganz Europa fand, gilt Shakespeare als Meister. Seine 154 Werke haben eine enorme Wirkungsgeschichte und trugen zur Popularität dieser Form maßgeblich bei. Mittlerweile schon über 700 Jahre alt, ist das Sonett aber noch jung, verglichen mit der ältesten, noch immer in Gebrauch befindlichen Gedichtform der Welt, dem Tanka. Auch wenn das Tanka erst vor verhältnismäßig kurzer Zeit seinen Weg über die Grenzen Japans und der japanischen Sprache antrat, hat es diese kleine Gedichtform mit Migrationshintergrund geschafft auf der ganzen Welt heimisch zu werden, nicht zuletzt auch bei uns.
Wie und wohin sich das Tanka in unserer Sprache entwickeln wird ist nicht abzusehen. Vielmehr liegt es in der Hand jedes Einzelnen Trends aufzugreifen oder zu setzen, zu experimentieren und zu gestalten, wie es die Meister all die Jahrhunderte vor uns taten. Daher möchte ich gern alle Interessierten einladen, mit der neuesten Ausgabe von Einunddreißig einen kleinen Blick in diese Zukunft zu werfen, und wünsche viel Spaß beim Lesen.

– Tony Böhle

Sonderbeiträge

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

andächtig
sitzen sie auf ihren Pferden
die kleinen Mädchen

Blick gesenkt
die Zügel zum Gebet
                 – Angelica Seithe

Ein wunderbares Beispiel für die light verse Tanka, wie sie in den letzten Jahrzehnten in Japan prägend sind. Weithin populär geworden ist dieser Stil besonders durch den Gedichtband Sarada Kinenbi (zu Deutsch etwa Salat-Jubiläum), mit dem Tawara Machi 1987 mit über 3 Millionen verkauften Exemplaren einen Überraschungserfolg gelandet hatte. Die neue leichte Art der Sprache im Tanka, die sich mit der Alltagswelt beschäftigt und doch voller Poesie steckt, hat eine ganze Generation junger Tanka-Autoren beeinflusst.
Einen solchen Text erleben wir auch hier - voll von lyrischer Schönheit und auch mit einem humoristischen Blick. Die Begeisterung vieler junger Mädchen für Pferde ist ein weithin bekanntes Phänomen, dessen Ursachen nicht zuletzt auch Wissenschaftler beschäftigt haben, sondern das auch für viele Eltern zur Herausforderung wird. Man denke nur an Schulranzen, Federmappen, T-Shirts und Poster mit Pferden und auch Zeitschriften, die sich ganz diesem Thema widmen. Hier wird diese Faszination der „kleinen Mädchen“ in einen quasi-religiösen Zusammenhang gerückt. Dazu greift Angelica Seithe auf das entsprechende Vokabular wie „andächtig“, „zum Gebet“ und „Blick gesenkt“ zurück, das wir aus religiösen Kontexten kennen. Spontan möchte einem dazu auch der Begriff der abgöttischen Liebe in den Kopf kommen.
Die Begeisterung, Konzentration und auch Naivität mit der Kinder alltäglichen Dingen und Phänomenen begegnen, übt auf uns Erwachsene oft ungläubiges Staunen aus. Sei es wie hier beim Reiten oder beim Trinken aus einem Strohhalm, wie von Kojima Yukari in Szene gesetzt.
Kinder, das müssen wohl / kugelförmige Wesen sein / sie drehn die Augen / wenn sie an einem Trinkhalm saugen / konzentriert zur Mitte hin. *
Dabei ist der Gedanke, den Augenblick der absoluten Konzentration, des im Moment Aufgehens, in einen religiösen Zusammenhang zu sehen, nicht aus der Luft gegriffen. Besonders in der buddhistischen Richtung des Zen gilt das hochkonzentrierte Tätigsein als eine Art der Meditation und Möglichkeit, dem Buddha Auge in Auge gegenüber zu treten. Also warum nicht auch hier?

* aus: Gäbe es keine Kirschblüten... Tanka aus 1300 Jahren. ausgewählt, übersetzt und herausgegeben von Yukitsuna Sasaki, Eduard Klopfenstein und Masami Ono-Feller. S. 199, Philipp Reclam jun., Stuttgart 2009.

Tanka-Auswahl Mai 2014

Wie töricht
mein inneres Wetterglas
kippt auf Sturm
für ein paar Wasserspritzer
und den Blick eines Flegels
                 – Valeria Barouch

  Zur Sicherheit wird
der Igel auf der Straße
  zu einer Kugel.
Der Tod fährt Auto und liebt
geometrische Formen…
                 – Rüdiger Jung

ein wenig Garn
für die Socken, einen Gin
für mich

für jedes Loch ist da wohl
Etwas um es zu stopfen
                 – Tony Böhle

  Spitz ist der Schnabel
des Todes und schnappt sich die
  Schweigsamen alle.
Und doch trägt der Eisvogel
Sonne im Gefieder…
                 – Rüdiger Jung

Am Teich
leise
jene Worte sprechen

mizu no oto *

Dann wieder Stille
                 – Reiner Bonack

Ein Herbsttag am Meer
bewahrt in jenem Stein      Wärme
deiner Hand…

Könnte ich fliegen wie du
finden würden wir     uns     ebendort.
                 – Ramona Linke

Bilder …
Die Nachricht …

Lautlos
schwimmen die Fische
am Riff hinter Glas
                 – Reiner Bonack

Am Baum des Lebens
sind Äste abgebrochen,
gespreizte Reste.
Wie der Kriegsinvalide
spür ich das Verlorene.
                 – Horst Ludwig

Für meine Sehnsucht
gibt es eigentlich kein Wort,
das sie ganz beschreibt,
doch im Tintenpinselstrich
tönt ein Kirschblütenwind.
                 – Beate Conrad

Der Zwang zu lachen
auf Tusch und pointengenau –
Karnevalsmüde
verlier ich mich in Wäldern,
gelockt vom Ruf des Hähers.
                 – Conrad Miesen

Bei uns zu Hause
flüstern sie einander zu,
Bäche und Weiden,
wie die Erde schwingt, als ob
Mutter uns im Schlafe singt.
                 – Beate Conrad

Geharkter Kies des
Trockengartens – nebenan
die Vollzugsanstalt.
Im Auge Buddhas werden
Gefängnismauern zu Staub.
                 – Conrad Miesen

Zweifel: die Fragen,
die sich tiefer und tiefer
in mein Herz winden.
Besonnen ist der Schnitzer,
der langsam sein Werk vollbringt.
                 – Beate Conrad

Treibholz
leicht wie ein Windhauch
gestrandet
Zeichen von Leben
am Rand eine Muschel
                 – Ilona Pagel

Du willst wissen
wie ich so lebe?
Schau mal,
diese Schnecke am Wegrand:
das bin ich
                 – Frank Dietrich

andächtig
sitzen sie auf ihren Pferden
die kleinen Mädchen

Blick gesenkt
die Zügel zum Gebet
                 – Angelica Seithe

der Mond und ein paar Sterne
           spiegeln sich
               im See
           spiegeln sich
der Mond und ein paar Sterne
                 – Frank Dietrich

Hauptsache jetzt:
den Vögeln Kerne unsrer
Sonnentage streuen
und eine Platzkarte sichern
für den Gesang des Frühlings
                 – Angelica Seithe

frühstück beim bäcker
butterseelenallein
mit den krümeln…
die seelenkrümel
in der hohlen hand
                 – Ruth Guggenmos-Walter

eiskalt
blicken deine Augen
mir ins Herz
sogar die Rose lässt
ihre Blätter fallen
                 – Silvia Kempen

der geruch
einer frisch geweißelten wand...
projektionsfläche
meiner gedanken
die schatten werfen auf ihr
                 – Ruth Guggenmos-Walter

die Mauer
zum geheimen Garten
hat ein Loch
so groß
wie ein Schmetterling
                 – Silvia Kempen

Er ist`s
vor meinem Fenster
pfeift`s
aufgeplustert im schwarzen Frack
mein Winterfreund
                 – Ilse Jacobson

wie Vögel
der Flussauen
eintauchen
in die schwebenden Wolken
meiner Erinnerung
                 – Helga Stania

Eine Schwalbe macht
noch keinen Sommer
Aber wie schnell
der Sommer
die Schwalbe macht!
                 – Rüdiger Jung

 

* mizu no oto (zu Deutsch etwa der Klang des Wassers), aus dem bekannten Frosch-Haiku Bashos furu ike ya / kawazu tobikomu / mizu no oto (zu Deutsch etwa der alte Weiher – / ein Frosch springt hinein  / der Klang des Wassers)

Besuch in Zelle 4

Am Nachmittag endlich Valldemosa im Nordwesten Mallorcas erreicht. Die Regengüsse, welche schon gleich morgens begannen, haben sich noch immer mehr gesteigert, so dass wir die Gassen dieses  höchstgelegenen Dorfes der Baleareninsel in Richtung Kartäuserkloster wahrhaft durcheilen.
La Cartuja, wo bis 1836 die Mönche des heiligen Bruno zurückgezogen lebten, hat sich seit einigen Jahren zu einer regelrechten Chopin-Wallfahrtsstätte entwickelt.
Im Winter 1838/39 lebten für knappe zwei Monate hier in den (heute noch zu besichtigenden) Zellen Nr. 2 und 4 der Komponist Frederic Chopin und seine Gefährtin, die Schriftstellerin George Sand. Die museal zugänglichen, wenigen handgeschriebenen Briefe Chopins und ein paar Partituren sowie das "arme" mallorquinische Klavier, mit dem er auskommen musste bei der Komposition von Walzer, Polonaise, Mazurka und von einigen seiner legendären Préludes, lassen mich merkwürdig kalt.
Erst als aus einem der größeren Räume die unverkennbaren Klänge des Des-Dur-Präludiums herüberklingen und dieser "Regentropfen-Gesang" von den Tiefen des Basses bis zu einem gewaltigen Crescendo anschwillt, ist Frederic Chopin für mich voll gegenwärtig und spürbar geworden.

    Auch wir erleben
    das Kloster Valldemosa –
    Regengetröpfel
    wie im Prélude von Chopin
    im Winter achtunddreißig.

Dass dieses Klostergemäuer für den Musiker zumeist voller Schrecken und Phantome war (nach den Worten von George Sand) erfuhr ich erst viel später aus einer Broschüre genauso wie die Umstände seiner Schwindsucht, die ihn inmitten von Rosen, Palmen und Orangenbäumen täglich belasteten. In den Tagebuch-Aufzeichnungen von Mallorca, die seine Gefährtin George Sand anfertigte, findet sich der folgende Hinweis zu Chopin:

"Sein Geist war wund. Er konnte sich durch ein gefaltetes Rosenblatt, durch den Schatten einer Fliege verletzt fühlen. Abgesehen von mir  und meinen Kindern, war ihm unter dem Himmel Spaniens alles zuwider, stiess ihn alles ab. Er starb mehr vor Ungeduld abzureisen als an den Widerwärtigkeiten des Aufenthaltes."


– Conrad Miesen

Einzig

Ich bin in die Betrachtung des Felsenstückes versunken. Er wartet geduldig auf meine Entscheidung.
„Er sollte etwas weniger zugänglich sein, mehr Schwierigkeiten aufweisen, nicht so abgerundet sondern ein bischen Matterhorn“, verstehen Sie?
Er sieht mich abwartend an.
„Den gleichen Felsen, aber für einen Bergler, der sich auf Gipfeln wohl fühlte, natürlich schön eben, ohne Firlefanz“, ich suche nach den Worten, die ihm gerecht werden.
Er nickt ernsthaft: „Im Steinbruch steht noch so einer. Es ist sozusagen der Zwilling von diesem hier. Ich kann ihn hohlen, wenn Sie es wünschen.“

Ich stehe wieder an Vater’s Grab.
„Wir haben uns gefragt, ob es Sie wohl ärgern wird, dass wir für meine Frau den gleichen Stein gewählt haben“, tönt es entschuldigend neben mir.
Ich lasse meinen Blick zwischen den beiden grünen Serpentin Felsen hin und her gleiten und lächle den älteren Herrn freundlich an: „Keinerlei Ähnlichkeit, nur dasselbe Material.“

    Den Jahreszeiten
    trotzt überall die Botschaft
    in Stein gemeisselt
    hier sind wir alle gleich

    doch ein jeder war einzig

– Valeria Barouch

Unterwegs im Walsertal

Auf einem Ausflug hatten wir das Walser-Tal in Graubünden erkundet und folgten auf der Rückfahrt Richtung Illanz einem spontanen Einfall, der uns bald schon zum Dorf Sankt Martin führte, nur unweit von der Durchgangsstraße gelegen.
Die wenigen alten Häuser wirkten allesamt etwas vernachlässigt und die zierliche Kirche, welche wir gerne besichtigt hätten, war abgeschlossen. Das Gehöft gegenüber schien zwar bewohnt zu sein, stellte aber ostentativ mit dem Schild ‚Betreten verboten!’ seinen abweisenden Charakter unter Beweis.  Magisch funkelnde Bergkristalle in den Fenstern. Das Gackern von Hühnern (aufgeregt, einem Warnsignal ähnlich) blieb noch lange im Ohr.
In einem Haus gleich nebenan entdeckten wir dann das erste menschliche Lebewesen: einen dürren, alten Mann mit verschlossenem Gesicht. Das Fernglas zum Anschlag bereit wie eine Waffe, hockte er vor seinem erbärmlichen Holzhaus, uns Eindringlinge misstrauisch mit den Blicken verfolgend.
Ganz in der Nähe der Kirche auf einem Hügel am Rand von Sankt Martin befand sich ein, von Zaunpfählen umgebener, hermetischer Bezirk, bewacht von einer festlich aufgeputzten Vogelscheuche. Neben ihr flatterte die Schweizer Fahne.
Schnell verloren wir die Lust, uns näher umzuschauen. Die Signale standen durchweg auf Abwehr und Verweigerung. – Wir bestiegen unser Fahrzeug, wendeten und rollten allzu gerne wieder aus dem Geisterdorf hinaus, sahen flüchtig beim Einbiegen auf die Hauptstraße des Walser-Tals einen weiteren Greis, der seine Pfeife schmauchte und den Hut tief ins Gesicht gezogen hatte. Sein Grinsen wurde zum Abschiedsgruß und vermehrte die Rätsel.

    Verschlossne Türen.
    Sankt Martin gibt Rätsel auf,
    lockt und bedroht uns –
    Vergebliches Rendezvous

    mit ein paar Vogelscheuchen.

Gab es ein geheimes Muster, einen verschwiegenen roten Faden zu dieser surrealen Szenerie, die dem Hirn von Halldor Laxness oder Samuel Beckett entsprungen sein konnte?
Welcher Feind wurde hier erwartet und wie lange hielten es die toten und lebenden Vogelscheuchen dieses Fleckens noch aus in ihrer Abgeschiedenheit?
Ohne die Spur einer Antwort fuhren wir zurück nach Illanz, wärmten uns auf in einem kleinen Restaurant bei einem Glas Tee und einem Stück Rüblitorte. Sankt Martin blieb ein unlösbares Rätsel, ein Labyrinth mit vielen Türen, aber ohne Ausgang.

– Conrad Miesen

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. August 2014. Der Einsendeschluss ist der 01. Juli 2014.

 
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