Ausgabe August 2016 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 14 August 2016

Editorial

Was für krisengeschüttelte Zeiten sind es wohl, in denen wir leben? Diesen Gedanken könnte man wohl kaum jemandem verdenken, wenn man die Nachrichten der letzten Wochen betrachtet. Terroranschläge in bestürzender Regelmäßigkeit, Amokläufe, ein neuer Kalter Krieg mit Russland, der Austritt Großbritanniens aus der EU, ein Militärputsch in der Türkei gefolgt von einer Säuberungswelle, der sogenannte Islamische Staat im Nahen Osten und Flüchtlingsströme übers Mittelmeer. Was früher gereicht hätte, um ein ganzes Jahr mit Schlagzeilen zu füllen, trifft uns mittlerweile in kürzester Zeit.
Und dennoch – ist unsere Zeit wirklich so unruhig, wie es scheint, unser Leben so gefährlich? Schauen wir einmal zurück in die Vergangenheit, was unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern zu ertragen hatten. Den Ersten Weltkrieg gefolgt von der Spanischen Grippe mit Millionen Toten, die Hyperinflation, mehrere gescheiterte Militärputschs, die Weltwirtschaftskrise, den Nationalsozialismus, einen weiteren Weltkrieg mit Millionen Toten, zerstörten Städten, im Osten eine weitere Diktatur, die ständige Gefahr eines Atomkriegs und als sich alles etwas zu entspannen schien, den Terror der RAF. Schauen wir noch weiter in die Welt hinaus und in der Zeit zurück, erwarten uns kaum bessere Dinge. Die Kulturrevolution in China, Stalins Terrorherrschaft, die blutige Französische Revolution mit ihren Folgen für Europa, der Dreißigjährige Krieg, die Inquisition, Hexenprozesse, Sklaverei und der Schwarze Tod, um nur einige zu nennen.
Zieht man all diese Ereignisse zum Vergleich heran, so relativiert sich die Sicht auf unsere heutigen Probleme. Auch wenn es Terrorismus in Deutschland gibt,  ist nicht die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unfall auf dem Weg zur Arbeit umzukommen, viele Male größer als bei einem Anschlag? Auch wenn die europäische Einigung in der Krise steckt,  hat sie uns nicht die bislang längste Friedensphase auf dem Kontinent und großen Wohlstand beschert?
Sehen wir das Tanka als einen Spiegel der Dinge an, die uns beschäftigen, erfreuen, schmerzen oder besorgen, so treten auch in der August-Ausgabe von Einunddreißig eher das Menschliche und Zwischenmenschliche in den Vordergrund. Zwar gibt es auch hier und da Texte zu politischen Themen, aber nicht in einem solchen Umfang, wie es gegenwärtig in Japan Mode ist. Was verrät das über den Zustand unserer Gesellschaft? Dies bei der neuesten Ausgabe von Einunddreißig herauszufinden, lade ich alle Leser herzlich ein.
– Tony Böhle

Tanka-Auswahl August 2016

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 01. April 2016 und dem 30. Juni 2016 eingereicht wurden, habe ich für die August-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 28 Tanka getroffen und einen meiner eigenen Texte beigestellt. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen, von denen maximal fünf in die Auswahl aufgenommen werden konnten. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Ein Tanka, das mich besonders anspricht, habe ich hervorgehoben und kommentiert.

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

In dieser Flocke, vielleicht
in dieser Welle des Meers
in dieser Träne vielleicht
ein winziger Teil
von dem was du warst
                 – Reiner Bonack
                   in memoriam Margret Buerschaper

Ob Familienmitglied, enger Freund, Bekannter, Kollege oder Nachbar, wir alle haben schon den Verlust eines nahestehenden Menschen und den damit verbundenen Schmerz erlebt. Was in dieser Situation Trost spenden mag, hängt ab vom eigenen Verhältnis zu Leben und Tod, religiösen Vorstellungen und von persönlichen Erfahrungen.
Zentrales Motiv in fast allen Kulturen und Religionen ist das Überdauern des physischen Todes in einer jenseitigen Welt oder die Rückkehr durch Wiedergeburt. Oft trösten diese Vorstellungen die Hinterbliebenen, wecken sie doch die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Dass dieses Hoffen zumindest auf physikalischer Ebene sehr real sein kann, zeigt das obenstehende Tanka von Reiner Bonack, das von ihm zur Erinnerung an die kürzlich verstorbene Margret Buerschaper geschrieben wurde. Als einen äußeren Rahmen kann man sich einen Spaziergang am winterlichen Meer aus dem Kontext heraus vorstellen, bei dem unmittelbar auch eine Erinnerung an die Verstorbene emporgestiegen sein könnte.
Ich erinnere mich an eine beliebte Rechenaufgabe für Erstsemester im Chemiestudium. Dabei ließ sich errechnen, dass wir mit jedem unserer Atemzüge wenigstens ein Molekül einatmen, das Caesar – oder auch jede andere Person – beim letzten Atemzug ausgestoßen hat. Ähnliches ließe sich auch für die Wassermoleküle berechnen, die zum Todeszeitpunkt Teil unseres Körpers sind. Entsprechend kehrt ein winziger Teil von uns in einer Flocke, Welle oder in einer Träne als ein ganz reales Phänomen zurück. Doch geht das Tanka hier noch weiter, über das rein physikalische Verständnis hinaus.
Wasser, ob gefroren, flüssig oder ob als Dampf, stellt nicht nur ein Sinnbild für Leben selbst dar, sondern ist auch Teil eines scheinbar ewigen Kreislaufs. Mit der dreimaligen Wiederholung der Phrase "in dieser" am Anfang der Segmente a, b und c wird der Gedanke der Rückkehr auch formell umgesetzt und vertieft, zugleich mit der Wiederholung des Wortes "vielleicht" aber wiederum ins Ungewisse versetzt. Die Formulierung "von dem [,] was du warst" drückt zudem auch das Bewusstsein über die Vergänglichkeit aller Dinge in dieser Welt aus.
Beim mehrmaligen Lesen ergibt sich ein inhaltlicher Zusammenhang, der nicht mit der Segmentaufteilung konform ist: In dieser Flocke [,] / vielleicht in dieser Welle des Meers [,] in dieser Träne [,] / vielleicht ein winziger Teil / von dem [,] was du warst. Im Nachklang lässt diese über die Segmentaufteilung hinausgehende Inhaltsebene die Welle gleichsam als eine Träne des Meers selbst erscheinen: … in dieser Welle des Meers, dieser Träne… Von Segment a zu c rückt das Geschehen näher an den Leser heran: von der fernen Flocke aus dem weiten Himmel, über das Meer vor den Füßen hin zur Träne. Dabei wird das Wasser, dieser winzige Teil dessen, was einst war, in Form der zunächst eisigen Flocke mit dem dann aber nur kühlen Meer bis hin zur körperwarmen Träne sukzessive etwas wärmer.
Das Tanka spricht auch durch seinen Klang mit seinen gehäuften Stabreimen, Reibe- und Engelauten an. Da klingen die w-Stabreime in Welle  winziger  was  warst, der t-Stabreim in Teil  Träne, und auch der v-Reibelaut im wiederholten vielleicht verbindet sich zusammen mit den fast durchgehenden stimmhaften l-Lateralengelauten so, dass der Leser die Nähe und Ferne des pulsierenden Lebens eindringlich erleben kann.

Die Auswahl

Er schlängelt sich
von Baustelle zu Baustelle
der Werktagsverkehr
ferne Schneekuppen flimmern
als wär' der Tag ohnegleichen

                 – Valeria Barouch

das mädchen mit knallrotem haar
steht im mohnfeld
und lächelt –
laster donnern vorüber
im blauen wind wogt das gras…

                 – Ruth Guggenmos-Walter

Halboffene Tür
mein Blick fällt in die Welt
einer anderen
wie lebt es sich in
makellosem Weiss

                 – Valeria Barouch

Der Frühling ist da
  so grün Bäume und Berge
  darin gräbt und gräbt
ein braunes Shiba-Hundchen
  ein Loch der Langenweile

                 – Haruhiko Ichinomura

Wolkengebilde
befeuern die Fantasie,
lebendig werden
am Himmel die Geschichten,
die mir Wolken erzählen.

                 – Ingrid Baumgart-Fütterer

mitten im Sommer
fällt Schnee in meine Träume
wie damals als die
Nächte endlos waren und
jeder Morgen jungfräulich

                 – Eva Limbach

ein Fremder bleib‘ ich
ganz gleich, wohin ich geh –
den Wind
in den Weidenbäumen
heiß ich meine Hymne
                 – Tony Böhle

am Ende der Nacht
je ne regrette rien
in voller Lautstärke
die Nadel springt noch immer
an derselben Stelle

                 – Eva Limbach

Fern
die Segel, wie weiße
spitze Zähne

Mein Schatten seufzt
mit der Stimme des Meers

                 – Reiner Bonack

Wie viele Sprachen
am Kiyomizu-Tempel
flattern sommerleicht
Yukata elegant auch
an einigen Touristen

                 – Horst Ludwig

In dieser Flocke, vielleicht
in dieser Welle des Meers
in dieser Träne vielleicht
ein winziger Teil
von dem was du warst

                 – Reiner Bonack

                   in memoriam Margret Buerschaper

etwas verhalten
richte ich
ihr schütteres Haar
blond sei sie gewesen
genau wie ich
                 – Diana Michel-Erne

natürlich hätte ich
wenn du gewollt hättest
aber du hast
doch alles abgewehrt
mit deinen großen Augen

                 – Ralf Bröker

War fast wie ein Freund
in Churwaldens ‚Klin Badi‘
der Bademeister…
Allzu früh musste er
mit Charon über-setzen.

                 – Conrad Miesen

die braunen Flecken
an der Wand des Aborts
wie könnte man
sie übersehen
in diesen Zeiten

                 – Ralf Bröker

das gespräch
mit vater
über vergangenes

wer ich bin
weiß er nicht

                 – Andrea Naß

Wie eine Person
ganz und gar ein Augenpaar
beschäftigen kann.
Eine Kampfdrohne wartet
auf Antwort aus der Ferne.

                 – Beate Conrad

Stillende Mutter
inmitten der Speisenden
in der Gaststätte
belächelt die Möglichkeit,
daß Blicke töten könnten.

                 – Wolfgang Rödig

Harte und schwarze
Wörter selbst ohne Seele
ein stiller Protest
aufgeschichteter Bücher –
welch Herbstsemesterbeginn!

                 – Beate Conrad

Am Fenster
in die Winternebel warten
bis du kommst –
im kahlen Kirschbaum blühen
Regentropfen auf

                 – Angelica Seithe

Ereignishorizont
einem Segel folgen
dorthin
wo das Meer
in den Himmel mündet

                 – Frank Dietrich

Flugreise
beim Starten schweigend
deine Hand
nicht ganz allein
aus allen Wolken fallen

                 – Angelica Seithe

am Ende des Wurmlochs
keine andere Welt
keine andere Zeit
stattdessen
ein Gehäuse mit Kernen

                 – Frank Dietrich

Wasseramsel
am grünen Fluss
tief
tauche ich nach dem Grund
meiner Sorgen

                 – Helga Stania

vor dem Spiegel
die grauen Haare
ausrupfen
mein Kampf gegen
die Lernäische Schlange

                 – Frank Dietrich

Was fühlt ein Papier,
wenn es einen Locher sieht −
spürt es Verlangen
 
nach einer festen Bindung
oder fürchtet es den Schmerz?

                 – Wolfgang Stock

der Frühling liegt
im Regal und wartet
auf einen Käufer:
SAATGUTMISCHUNG
SCHMETTERLINGSTRAUM

                 – Frank Dietrich

das Weltgeschehen
in Worte zu fassen
im Licht der Sterne
die Sprache der Quanten
in meinem Traum

                 – Dietmar Tauchner

In tausend Spiegeln
schläft ihr Antlitz Glasscherben
verwandt traumlos im

Wintermond  ohne Schuld ihr
Herz ergeben nur dem Schnee

                 – Sebastian Erni

 

Das Tanka international Teil IV - Claire Everett

Claire Everett ist Gründerin und Herausgeberin des Tanka-Journals Skylark sowie Redakteurin für Tanka-Prosa bei Haibun Today. Sie ist Autorin der beiden Tanka-Sammlungen Twelve Moons und The Small, Wild Places sowie Co-Autorin von Hagstones: A Tanka Journey zusammen mit Joy McCall und Talking in Tandem mit ihrem Mann Tony Everett. Claire war Reaktionsmitglied von Take Five Best Contemporary Tanka (Volume 4, 2011) und editierte 2015 die Mitglieder-Anthologie Spent Blossoms der Tanka Society of America.
Sie ist Mutter von fünf Kindern, zweifache Stiefmutter und mag nichts lieber, als mit ihrem Mann Tony auf dem Tandem durch die Yorkshire Dales zu fahren oder durch die North York Moors zu wandern.
– Tony Böhle

born
under a dark moon
I have come to see
That every star
Is the night’s undoing
                   Blithe Spirit 21:3, September 2011

geboren
unter einem finsteren Mond,
sehe ich schließlich,
Dass jeder Stern
Die Nacht auflöst

like a hen salmon
to the moonlit quartz
of an upland stream
against the odds I loved
. . . and loved again
                   red lights, 11:2, June 2015

wie ein Lachsweibchen
zum mondhellen Quartz
eines Hochlandbaches
liebt' ich allen Widrigkeiten zum Trotz
. . . und liebe wieder

the unquiet light
and silent song of snow
yet not awake --
even before they told me
I knew you were gone
                   Magnapoets 'Many Windows' anthology 2011

das unruhige Licht
und das stille Lied des Schnees
noch nicht wach --
schon bevor sie es mir sagten,
wusste ich, du warst gegangen

son of mine
what's done is done...
seed by seed, I'd breathe
back the dandelion clock,
place its stem in your hand
                   Eucalypt 11, winter 2011

mein Sohn
was geschehen ist, ist geschehen...
Samen um Samen, blies ich
zurück an die Löwenzahnuhr,
legte ihren Stengel in deine Hand

I rest my mind
with the world
there
in the stillness
of the heron's raised foot
                   Notes from the Gean, 2011

zum Frieden komm ich
mit der Welt
dort
in der Stille
des Reihers erobenen Fußes

spring’s first iris
I watch her unfold
her blue kimono...
the comfort of rituals
in this shaken world
                   Blithe Spirit, 2011

die erste Schwertlilie des Lenz
ich seh ihr zu beim Entfalten
ihres blauen Kimonos...
die Geborgenheit von Ritualen
in dieser erschütterten Welt

you wish I’d been there
when you saw the kingfisher...
winter
quiet at her morning task
stitching the hem with blue
                   Presence #44 June 2011

du wünschst, ich wäre da gewesen
als du den Eisvogel sahst...
Winter
schweigsam bei ihrer morgentlichen Arbeit
den Saum mit Blau zu vernähen

unshackled from myself
I am just
a passing thought
in the mind
of the forest
                   2nd Place THINK TANKA International Contest
                   2010

entfesselt von mir selbst
bin ich nur
ein vorübergehender Gedanke
im Geist
des Waldes

once more, the robin
whose every word
is song
the weight of my pen
in this eggshell world
                   2nd prize British Haiku Society Tanka Awards
                   2012

noch einmal das Rotkehlchen
dessen jedes Wort
Lied ist
das Gewicht meines Stiftes
in dieser zerbrechlichen Welt

these holloways
ancient and unmapped
spilling wildflowers...
I've learned that laughter, too
is a creature of habit
                   A Hundred Gourds 3:1, 2013

diese Hohlwege
uralt und unkartiert
speien Wildblumen...
gelernt hab ich, dass Gelächter auch
ein Geschöpf der Gewohnheit ist

Die ausgewählten Texte wurden mit freundlicher Genehmigung der Autorin zusammengestellt. Übersetzung: Tony Böhle.

Déjà vu


    Leere  auf einem
    leeren See die Gewißheit
    was zu erblicken, 
    das Stahlwaschbecken voller
    Barthaarstoppeln und ganz frisch
 
das Fahrgeräusch vermag nicht das asthmatische Schnaufen der Thermoskanne zu übertönen. Im zitternden Zugfenster zeigt eine Zeitung verschwommen Überschriften und Fotos zu Skandalen und Gefechten einer aus den Fugen geratenen Nation.
 
    Am Anfang das Wort,
    und jemand sah, es war gut
    bis zum siebten Tag,
    wo das Wort herausfordert,
    dem Satz Richtung zu geben.
 
Über einen leicht ausgestellten Damenschuh stolpert der junge Mann mit Anzug und dicker Hornbrille. Dabei rollt sein Apfel, in den er gerade beißen wollte, über die Fliesen der Bahnhofsvorhalle bis an den Sockel einer Marmorstatue in antikem Stil.
– Beate Conrad

Feierabend weiter oben

Auch ziemlich weit im Hinterland nach einer dreiviertel Stunde Bahnfahrt mit meinem alten Haikulehrer und dann noch stiller Wanderung einen Bergweg hinauf zu ein paar Häusern
 
    beim Kasentreffen
    folgt man schon immer Formen, ...
    anfangs kein Sake.
    Ich habe nur was auf deutsch;
    doch alle akzeptieren's.

– Horst Ludwig

Vier Rätsel-Tanka

Um welche alltäglichen Bürogegenstände geht es in den folgenden Tanka jeweils?

Erst sie verleihen
meinem Papierkramordner
den nötigen Ernst,
 
ziehen jeden Vorgang mit
zum Flash-Mob auf der Arbeit.
          farbige Büroklammern

Zwei dünne Ärmchen,
vor der schmalen Brust verschränkt,
und kein Entkommen.
 
Einen Stapel von Papier
zwingt sie in den Schwitzkasten.
          eine Heftklammer

Jeden Liebesbrief,
jeden Scheck mit Zahlen drauf
muss sie ertragen.
 
Wohl kennt sie meinen Namen,
doch verschweigt sie ihn diskret.
          die Schreibunterlage

Nicht Symbiose,
einander zu verdrängen,
ist ihr Bestreben.
 
Ergebnis ihres Ringens
sind glasklare Gedanken.
          Bleistift und Radiergummi

– Wolfgang Stock

Prozeß- und Zeitdarstellung im Tanka


    Lass mich, Mutter,
    dir helfen, und lass uns
    vergessen
    deine Brüste, die weichen,
    beim Kleiden eben gestreift
                 – Ingrid Kunschke
 
Auf den ersten Blick stellt dieses Tanka einen intimen Moment der Hilfe beim An- oder Auskleiden dar. Die wohl eher ungewohnte Nähe bei der Hilfe mag zwischen Mutter und Kind bzw. beim herangewachsenen Kind Verlegenheit auslösen, aber auch nur bloße Feststellung sein. Ähnlich mag es einem Ehemann ergehen, der innerhalb der Familie die Frau auch mit Mutter bezeichnen mag.  Ungewöhnlich ist diese Situation aber doch, denn im Alltag kleidet sich ja meistens jeder selbst. Diese Abweichung vom Alltag, von der beiläufigen Gepflogenheit, läßt den Leser das Tanka genauer betrachten. Dabei klingt die anspracheartige Betonung "Lass mich [/] lass uns" besonders ins Ohr. Hier geht es nicht um eine einmalige Hilfestellung, sondern diese appellartige Hervorhebung im Tanka verweist darauf, daß die Mutter schon älter und schwächer ist und womöglich nicht mehr in der Lage sein könnte, diese Alltagshandlung allein zu bewältigen, und daß auch sie diese nackte Nähe und das Angewiesensein auf derartige Hilfe in Verlegenheit bringen könnte.
 
Auf den zweiten Blick stellt sich heraus, daß weder Kind und Mann noch die alternde Mutter um die im Tanka gezeichnete Mutter einfach herumkommen. Deshalb vergessen sie mitunter auch, was sie nicht vergessen wollen. Deshalb müssen Helfende hier sich und der Mutter etwas wiederholt einsagen, nämlich einen Appell an die Vernunft, der nicht ganz ihren Haltungen entspricht. Doch mit dem fortschreitenden Alter der Mutter  und damit mit fortschreitender Zeit  wird die umgekehrte Rolle der Pflege und Sorge zu einer neuen Alltäglichkeit.
 
Bei einem weiteren, besonders langsamen und segmentweisen Lesen des Tankas werden diese über die Zeit sich wandelnden Haltungen und Einstellungen im Detail offenbar: Das "Lass mich, Mutter" in Segment a deutet auf einen Sprecher in zurückliegender Zeit, auf ein Kind, das aus der mütterlichen Behütung allmählich herauswächst und seine Schritte zunehmend allein unternehmen möchte. Segment a kann ebenso zum Ruf eines Herangewachsenen ergänzt werden, der in die Welt hinaus will: "Laß mich ziehen, Mutter, laß mich gehen".  Ferner erinnert es an einen göttlichen Schutz wie bspw. in Schillers "Der Alpenjäger".  So mag auch das Bild der alles schützenden Mutter als Göttin und Mutter Erde verschiedener Zeitalter und Kulturen assoziiert werden.  Erweitert wird die Aussage des ersten Segments mit der ersten Hälfte des Segments b zu Lass mich, Mutter, / dir helfen ..., das ein heranwachsendes, selbständig werdendes Kind ankündet, ein Kind, das zunächst kleine Handreichungen im Alltag übernimmt. Alsdann bietet es auch schon von sich aus Hilfe an und übernimmt später selbst größere Aufgaben. Hier scheint also der Weg der kindlichen Entwicklung und der Mutterbeziehung in verschiedenen Zeitetappen auf. Mit dem zweiten Teil von Segment b sowie Segment c "... und lass uns vergessen" vergegenwärtigt sich ein Rückblick auf die Mutterrolle, der sich mit den Segmenten d und e vertieft zur Vereinigung und Fruchtbarkeit und zum Aufziehen und Säugen der Kinder. Die Vergänglichkeit wiederum ist in den Brüsten selbst angezeigt, die weich für den Säugling waren und Geborgenheit vermittelten, und nun, im Alter, andersartig weich und nicht mehr fest sind. Alsdann läßt sich "vergessen" zugleich als vollendete Tatsache lesen.
 
Somit wird eine große Zeitspanne menschlichen Werdens und Vergehens mit dieser Anrede der Mutter im Tanka umfaßt.  Wesentlicher Zeitablauf wird hier als Haltungen, Einstellungen und Rollen sowie deren Wechsel dargestellt, die also jeweils anzeigen, wieviel Zeit vergangen ist. Folgerichtig erfaßt eine ursprünglich einfache, ja, beiläufige Begebenheit der Ankleidehilfe existentielle Wesenheit in der Zeit, die auch eine archetypische Muttererfahrung von Leben und Endlichkeit vermittelt.
 
Die in diesem Tanka vergehende Zeit des Heranwachsens des Kindes und des Vergehens der Mutter zeigt sich auch deutlich im Klang: Die abnehmende Entwicklung klingt in den scharfen s- und t-Lautabfolgen und den dunklen u-Vokalen in a bis c an. Hingegen leitet der Klang in d und e insgesamt weicher und etwas heller werdend in den Rückblick über, also in die positive, zunehmende Entwicklung, und zeigt vergangene als auch wechselnde Fürsorglichkeit am deutlichsten wohl in den gleich fünf dicht aufeinanderfolgenden ei-Diphthongen und den weicheren [stimmhaften] Konsonanten [b] und [w] an. Darüber liegt ein feines verbindendes ch-Atemgeräusch (mi-ch, wei-ch) der Lebenszeit, das im "ft" (gestrei-ft) einen schärferen Schlußakkord setzt und so auch den Leser berührt.
– Beate Conrad

Weitergereichtes in einem deutschen Tanka

Wer schreibt denn heute noch "Angesicht", wie es Beate Conrad in ihrem "Mit tausend Nadeln, / mal aus Feuer, mal aus Eis / durchstichelt es mich, / dieses Himmelsangesicht, / vergangengeglaubter Zeit" [1] hat, wobei noch dazu das  oder ein  Angesicht des  oder eines  Himmels gemeint ist! Wir Heutige hätten vielleicht noch "Im Angesicht des Todes" im Buchtitel oder manchmal auch in gehobener Ansprache; aber sonst ist uns das Wort für unsere Sprechart doch recht altmodisch. Und "Himmels-" hier etwa auch als "himmlisch", also "wunderschön" zu lesen, kann uns dabei sicher auch nicht so recht in den Sinn kommen.
Und doch verwendet die literarisch erfahrene Autorin "Angesicht" hier in einem Tanka in klassischer Form, ein Zeichen, daß sie genau weiß, wie und in welcher Tradition sie spricht, und daß sie diese Gedichtform für ihre Aussage besonders gewählt hat.
Worum geht es? Zur Sprache kommt das Gefühl, "durchstichelt" zu sein,  also nicht etwa durchstochen oder durchbohrt und damit schmerzhaft einer schweren und lebensgefährdenden Verletzung ausgesetzt, aber eben nahezu ununterbrochen Sticheln "mal aus Feuer, mal aus Eis" ausgesetzt, die den Sprecher zu keiner einfachen Ruhe kommen lassen. Das Nebeneinander von Feuer und Eis als Ursachen bei diesem Verspüren bringt einem auch Robert Frosts wohl bekanntestes Gedicht "Fire and Ice" in den Sinn: Some say the world will end in fire, / Some say in ice. / From what I've tasted of desire / I hold with those who favor fire. / But if it had to perish twice, / I think I know enough of hate / To say that for destruction ice / Is also great / And would suffice [2], wo es, ebenfalls in ganz lakonischer Sprache, um letztlich einfach Unkontrollierbares geht; und das läßt uns vermuten, daß es auch hier in diesem Tanka wohl doch um mehr geht als es zunächst so dahergesagt scheint. Ja, und es geht um etwas, was dann wörtlich sogar mit dem sprachlich zwar sehr einfachen, aber uns eben doch recht ungewohnten "Himmelsangesicht / vergangengeglaubter Zeit" auch benannt ist. Im Blickpunkt ist hier das  oder ein  aber doch wohl mehr das  "Himmelsangesicht", und das auch, weil es mit einem Attribut, "vergangengeglaubter Zeit"  einem hochbeladenen, wie wir schnell sehen  sprachlich sogar noch näher bestimmt ist. Womit sich hier der innere Sprecher konfrontiert sieht, ... spürt, ... erfährt, ist also etwas, was sich in seiner Gegenwart klar und unverhüllt zeigt, aber gar nicht überwältigend,  was jedoch offenbar einen Rückblick herausfordert, weil es echt zur Vergangenheit gehört, ... was sich dann aber wieder nur als etwas nur der Vergangenheit zugehörigem Geglaubtes erweist.
Hier ist  und das bedingt auch unsere Betrachtungsweise  eben nichts zuverlässig und sicher wie vielleicht in der Physikklasse oder mit beiden Beinen auf der Erde oder nach einem Zugfahrplan für die Sommererholung. Uns wird vielmehr etwas dargestellt von der tiefen Glaubenserfahrung des Menschen, etwas, wovon wir auch wissen, daß es Berge versetzen kann,  was aber, wie wir's wieder aus der Naturwissenschaft wissen, unmöglich ist; daß es allein selig macht,  worüber wir aber in jahrhundertelange und oft geradezu teuflische Streiterei geraten; daß es wiederum ganz natürlich zum menschlichen Erleben gehört und was letztlich keiner uns ausreden kann, auch wir uns selbst nicht,  und wir schlagen es auch in schon Jahrhunderte alten Büchern nach, weil wir mehr über uns wissen wollen, und so wie Menschen da erfahren wir uns eben auch. So glauben wir halt ziemlich fest, daß wir Glauben verloren haben, wissen aber klar von Denkern unserer Zeit, daß zu jedem sinnvollen Glauben auch der Zweifel gehört, der uns aus Gedankenlosigkeit bei unsrer Art Existenz erhebt. Ja, und wir erkennen dann, damit müssen wir leben angesichts dieses?  eines?  Himmelsangesichts aus alter Zeit,  von dem wir u. a. auch lesen, daß, wenn wir nicht werden wie die Kinder usw. Und mit dieser durchaus glaubhaft erfahrenen und nicht loszuwerdenden Stichelei blicken wir doch etwas auf und leben weiter hin. Das besagt auch dieses Tanka.
− Horst Ludwig

[1] Hier zitiert nach *31*, Nr. 12 (Febr. 2016), wo das Komma am Ende von d bei der Herausgabe jedoch hätte getilgt werden müssen. Denn wie es da steht, bewirkt es, daß e allein und unabhängig folgt, aber damit sowohl als Genitiv wie auch als Dativ ohne Funktion bleibt und also keinen Sinn ergibt. Richtig gelesen ist e ein Genitivattribut zu d.
[2] Feuer und Eis // Einige sagen, die Welt endet in Feuer, / andere, in Eis. / Nach dem, wie ich Verlangen kenne, / halt' ich's mit denen, die eher für Feuer sind. / Doch müßte sie zweimal untergehen, / da denk' ich, ich kenn' Haß genug, / daß zur Zerstörung Eis / auch großartig ist / und ausreichte. - Beate Conrad lebte lange Zeit in den USA und nahm dort intensiv am Kulturleben teil und ist sicher - wie da ja fast schon jedes Schulkind mit einigem Englisch-Unterricht - mit diesem Frost-Gedicht vertraut. Und sie kennt, wie ja auch ihre Analysen von Gedichten in japanischer Kurzlyrikform immer wieder zeigen, die solide amerikanische Literaturkritik des mittleren Drittels des vorigen Jahrhunderts sehr gut, - und das kommt halt auch dem deutschen Haiku- und Tankaleben zunutze.

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. November 2016. Der Einsendeschluss ist der 30. September 2016.

 
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