Ausgabe November 2013 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 3 November 2013

Für die November-Ausgabe von Einunddreißig habe ich aus den Einsendungen eine Auswahl von 29 Tanka getroffen und einen meiner eigenen Texte beigestellt. Ein Tanka, das mich besonders angesprochen hat, habe ich hervorgehoben und kommentiert. Als Sonderbeitrag erscheinen Foto-Tanka von Valeria Barouch und Helga Stania sowie die Tanka-Prosastücke "Weckruf zur Laudes" und "Weggeschichten von La Gomera" von Conrad Miesen und "Zeichen" von Beate Conrad.

Editorial

"Alles fließt" (panta rhei) lautet eine griechische Formel, die auf den Philosophen Heraklit zurückgehen soll. Trotz ihres Alters hat sie bis heute nichts an Richtigkeit verloren. Die Unbeständigkeit aller Dinge wird gerade in unserer Zeit offensichtlich, in der sich alles immer schneller zu ändern scheint – seien es Traditionen, Mode, Lebensvorstellungen oder die Sprache. Ja, sogar der Lauf der Jahreszeiten scheint kaum noch Einfluss auf unser Leben zu haben. Immer wenn wir einen Supermarkt betreten, gleich ob Sommer oder Winter, sind die Obst- und Gemüseauslagen voller frischer Äpfel, Erdbeeren, Trauben, Orangen, Gurken und Tomaten. Auch dem Lauf von Tag und Nacht ordnen wir uns nicht mehr unter: einkaufen rund um die Uhr, arbeiten bis spät in die Nacht und schlafen wenn es hell ist. Ein Fingerdruck auf den Lichtschalter und es ist Tag, ein kurzes Tippen auf die Fernbedienung des DVD-Players und Abendprogramm läuft um 10 Uhr morgens. Wir hatten uns schon lange daran gewöhnt zu leben wie wir wollen, nun können wir sogar leben wann wir wollen. Nicht zuletzt ist auch unser persönlicher Lebenswandel unstet geworden. Wir wechseln den Arbeitsplatz, den Wohnort, ja sogar den Partner, wie es am besten zu unserer Lebensvorstellung passt.
Diese veränderte Lebenswelt spiegelt sich auch im Tanka wieder. So hat die traditionellste japanische Gedichtform in den letzten einhundert Jahren wohl größere Veränderungen erfahren, als seit ihren Anfängen um das Jahr 700. War das Tanka Ende des 19. Jahrhunderts in seinen Konventionen, Traditionen und Themen erstarrt, gelangte es im 20. Jahrhundert zu neuer Blüte, die ihren Höhepunkt im Gedichtband Sarada kinenbi (Salat-Gedenktag) einer damals jungen, unbekannten Dichterin namens Tawara Machi fand. Ein Erfolg vor allem deshalb, weil Tawara es verstand, dem Tanka neue Impulse zu geben, indem sie Umgangssprache, Gesprächsfetzen und Werbeslogans in ihre Texte einbaute und so besonders die junge Stadtbevölkerung ansprach.
Trotz der vielen Veränderungen, die das Tanka im 20. Jahrhundert erfahren hat, ist doch für die meisten japanischen Autoren eines der Markenkern dieser Gedichtform geblieben: die 5-7-5-7-7 Moren, die auch für dieses Magazin namensgebend waren. Umso überraschender scheint es doch, dass aktuell unter den westlichen Tanka die freie Form dominierend ist. Gründe dafür mag es sicherlich viele geben. Ob es der Wille ist, einen eigenen westlichen Typ des Tanka zu schaffen, die Ansicht moderne Lyrik müsse traditionelle Formen aufbrechen oder lediglich ein fehlendes Bewusstsein für die Ursprünge der Form? Darauf soll jeder seine eigene Antwort finden, vielleicht auch bei der Lektüre der November-Ausgabe von Einunddreißig, die jetzt online steht.

– Tony Böhle

Sonderbeiträge

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

beim verlassen
des junggesellenabschieds
rauchen bardamen
meine träume
schrumpeln
                 – Ralf Bröker

Die meisten von uns werden sie kennen: Junggesellenabschiede. Ob als gemütlicher Abend im kleinen Kreis, Sauftour mit dem Bollerwagen durch die Stadt, Kneipenrally oder Besuch im Stripclub. So verschieden die Geschmäcker und Planungen auch sind, eines bleibt allen gemein – die Erinnerung an einen einmaligen Abend, und so habe auch ich meine eigenen. Ralf Bröker lädt uns hier zu einem solchen Abend ein, der schließlich in einer Bar endet. Nachdem reichlich Alkohol geflossen ist, fallen auch die Hemmungen und man gibt sich neben dem einen oder anderen Bier noch weiteren Verlockungen hin. Für das Lyrische Ich sind es hier die "Bardamen", um die seine Gedanken an diesem Abend schon länger zu kreisen scheinen. Dabei kam mir gleich die Phrase vom letzten Abend in Freiheit in den Sinn, den wohl schon so mancher für einen letzten Seitensprung genutzt hat. Dieser scheint sich auch hier "beim Verlassen des Junggesellenabschieds" abzuzeichnen. Doch beim genaueren Lesen fällt auf, dass für das Lyrische Ich ein Seitensprung außer Frage steht, denn es ist lediglich die Rede von "Träumen" also einer Gedankenspielerei und nicht Hoffnungen. Doch selbst diese Träume "schrumpeln". Für mich an dieser Stelle ein wunderbar gewähltes Wort! Bezieht sich doch hier das Wort "schrumpeln" nicht nur auf das Ende der Vorstellungen von einem kleinen Abenteuer, sondern auch auf die Haut der Bardamen und – angeekelt durch den Zigarettengeruch - die Männlichkeit des Lyrischen Ichs. All das ist auch formal in bester Weise umgesetzt. Folgen die ersten drei Zeilen noch dem ursprünglichen kurz-lang-kurz-lang-lang-Schema des Tanka, sind die beiden letzten Zeilen auch auf wenige Silben zusammengeschrumpft und unterstreichen so zusätzlich die Aussage des Texts.

Tanka-Auswahl November 2013

Im Stadtpark
zwischen Blumenbeeten
vierhändiger Slow
auf Körperlandschaften –
beinah erröten die Rosen
                 – Valeria Barouch

Ach, das Dorf am See,
sagt sie…
im milden Herbstlicht
gerne würde sie noch einmal
lachend durch die Gassen ziehen
                 – Ramona Linke

Sommer am See
gut gebaute Männer
flanieren hin und her
und ich
bin doch schon über sechzig
                 – Christa Beau

Morgennebel
tropft von den gelben Blättern
meiner Birke –
und ich eile das Tor zu öffnen
für den, der heute heimkehrt
                 – Ramona Linke

Menschen,
in den Straßencafés
Cappuccino schlürfend.
In 50 Millionen Jahren
ist hier ein Ozean.
                 – Tony Böhle

Am Straßengraben
die geschlagenen Kiefern
fertig zum Transport.
Der Alte Lorenzweg wird
begradigt und vierspurig.
                 – Horst Ludwig

zwischen den pfosten
am boden zerrissenes tau
zwei lose enden

zersplissen
wie unsere liebe
                 – Gerald Böhnel

Über den Dächern
liegt schon ein Anflug von Herbst!
Der Kirchturmgockel
dreht sich wie wild in dem Tanz
mit der Oktober-Windbraut.
                 – Conrad Miesen

Schwerelos ruhen
die Schatten der Kiefern
am Rand der Heide

Ich höre
wie keine Nadel fällt
                 – Reiner Bonack

Gehämmert auf der
uralten Schreibmaschine –
Hesses Marathon.
Ein letztes Manuskriptblatt
fügt sich ins "Glasperlenspiel".
                 – Conrad Miesen

Der alte Fischer
auf der Bank vor dem Haus
faltet die Zeitung
blickt auf und liest
das Wetter von morgen
                 – Reiner Bonack

Meldet sich zu Wort,
als ich mittags ruhen will –
Herr Nachbar Rabe;
versteckt im Holunderbusch
besteht er nur aus Gekrächz.
                 – Conrad Miesen

beim verlassen
des junggesellenabschieds
rauchen bardamen
meine träume
schrumpeln
                 – Ralf Bröker

So halb in die Strömung
gehängt umflutet mich Wasser
belebt mich der Wind

Es ist weil ich gebrochen bin
und noch am Baum
                 – Angelica Seithe

wie sich's anfühlt
nicht zu weinen während du
dein brautkleid trägst
inmitten der bilder
über die unsere kinder lachen
                 – Ralf Bröker

Rote Rose
dir aufs Grab gestellt
Jemand nahm sie
Junge Liebe
ohne Geld
                 – Angelica Seithe

warten auf einen job
um die familie
zu unterhalten
zu hause warten sie darauf
mir zu sagen sie liebten mich
                 – Ralf Bröker

Unterwegs –
Meine Gedanken an dich
wilde Gänse, den
roten Fleck im grauen
Brustgefieder, fliegen mit
                 – Angelica Seithe

beim Schütteln der Schneekugel
ein Sturm von Styropor
dann
dieses Warten
bis der Schnee sich legt
                 – Frank Dietrich

Mondlicht liegt
auf den Wellen des Sees
zärtlich
streift sie die Wiege
für ihr ungeborenes Kind
                 – Helga Stania

beim Zuprosten
wieder dieses Zwinkern
von ihm,
das mich schwitzen und
zum Ausgang schielen lässt
                 – Heike Gericke

Geburtstagsmorgen
auf Level 45
kein neues Leben
mein Sohn simst
hdl
                 – Heike Stehr

bei den autoschraubern
tropft ölig
der morgen…
licht wärmt die pfützen
regenbogenhimmel
                 – Ruth Guggenmos-Walter

Das Zimmer
voller Gesten und Stimmen
früherer Freunde…
kurz vor Tagesanbruch
schließe ich dem Wind die Läden.
                 – Dietmar Tauchner

nach hause
die füße finden den weg allein
durch lachen von mondlicht…
mir begegnet der schatten
einer katze
                 – Ruth Guggenmos-Walter

Das Licht der Hütte
fällt aus dem Fenster
in dieser Herbstnacht
kann ich nicht mehr erkennen
von der Welt da draußen.
                 – Dietmar Tauchner

zu alt
für wilde Kinderspiele
zu jung
für den Winter
in meinen Knochen
                 – Silvia Kempen

Am Morgen
meine müden Augen
im Spiegel
die Reise geht weiter
in einem anderen Traum
                 – Dietmar Tauchner

blauer Mond
das Heulen eines Hundes
steigt
auch in meiner Kehle
zu dir hinauf
                 – Silvia Kempen

einsame Nacht
voller trüber Gedanken
in einer staubigen Ecke
sucht ein Käfer
einen Weg ins Freie
                 – Dietmar Tauchner

Weckruf zur Laudes

    Der Schrei des Käuzchens,
    als ich zur Laudes gehe –
    deo gratias...
    Kurz nach fünf rief die Glocke
    fiat voluntas tua.

Kein einziger Laut, weder im Gästehaus des Klosters Marienstatt noch draußen, hatte die Nachtruhe unterbrochen. Vom Lesen müde, war ich bereits kurz nach 21 Uhr zu Bett gegangen und wurde dann (in aller ‚Herrgottsfrühe’!) wenige Minuten nach 5 Uhr von der Klosterglocke geweckt.

Die uralten lateinischen Chorgesänge des Stundengebets, mit denen die Mönche zur Laudes den Tag begrüßen, waren bereits zugange, als ich das 8oo Jahre alte, gotische Gotteshaus betrat. Lesung, Evangelium und eine kurze Erläuterung der Intention des (ab 5.45 Uhr folgenden) Konventamts wurden jedoch auf deutsch gesprochen.

Beim Mitsingen des Gloria, Sanctus und Pater Noster wurde ich unwillkürlich an meine Messdienerzeit in den 60er Jahren erinnert. – Sehr herzlich der wechselseitige Friedensgruß und Händedruck der sechs Teilnehmer dieser frühen Zelebration in den Gemeindebänken der Kirche.

Oft ging mein Blick nach vorne zum kostbaren Ursula-Schrein oder auch empor zum Orgeltisch, von dem aus der junge, in das helle Gewand der Zisterzienser gehüllte Mönch Laudes und Messe mit seinem Orgelspiel begleitete.

    Konventamt, morgens.
    Der junge Mönch intoniert
    mächtig die Orgel.
    Bis zum Schlussstein hoch hinauf
    steigt das "Gloria Dei"!

Rasch kehrte ich nach der Messe zurück und brühte mir in der Küche des Gästehauses einen Tee auf, saß dann im Zimmer über meinem Tagebuch, schlürfte das heiße Pfefferminzgetränk und wärmte meine klammen Finger an der Bechertasse. – Der Schlaf in den Augen und das Frösteln in den Gliedern war allmählich gewichen. Draußen dämmerte es bereits...

– Conrad Miesen

Weggeschichten von La Gomera

Noch heute (nach fast zwanzig Jahren!) denke ich gerne an meine Reise nach La Gomera zurück, jenes vielgepriesene Juwel der Kanaren-Inseln, das sogar Christoph Kolumbus mehrfach bei seinen Erkundungsreisen in Richtung "Neue Welt" als Zwischenstation ansteuerte.

Dabei sind es weniger die laut Reiseführer besonders empfohlenen Strände, Kirchen, Rathäuser oder gewisse Aussichtspunkte ("Mirador" genannt), die mir in Erinnerung blieben. Nachhaltig beeindruckt haben mich vor allem ein paar Weggeschichten, die sich bei unserer Besichtigung der Insel (sei es im Rahmen von Wanderungen oder mit dem Mietwagen) abspielten und meine Frau genauso wie mich in der Regel staunend und kopfschüttelnd zurückließen.

Vom Valle Gran Rey (dem Tal des Großen Königs) kommend, hatten wir an einem Vormittag die kurvenreiche Straße vorbei an den Steilwänden des Barranco hinter uns gelassen und sollten gemäß Landkarte auf dem Hochplateau den kleinen Ort Arure, eingebettet in eine sanfte, grüne Hügellandschaft, bald erreichen.

Da stand plötzlich ein altes Mutterchen wild gestikulierend mitten auf der schmalen Straße, brachte unseren Wagen zum halten und uns zum aussteigen.
Mit einem Unfall rechnend und bereits auf Erste-Hilfe-Aktionen eingestellt, ließ sich meine Frau Annelie, die über gewisse Spanisch-Kenntnisse verfügt, in ein Gespräch mit der Alten ein. Endlich hatten wir begriffen, worin das Anliegen der betagten Bauersfrau bestand: einen riesigen, zentnerschweren Sack, der prall mit Gras und Kräutern gefüllt war, auf den Rücken des geduldigen Esels, welcher am Straßenrand stand, zu heben und befestigen.

Beim zweiten Anlauf und indem wir zu dritt anpackten, gelang es schließlich. Das Grautier selbst schien solche Lasten gewöhnt zu sein, bog den Kopf seitlich und knabberte genüsslich an ein paar Halmen, die aus dem Sack herausragten. Mit Worten des herzlichen Dankes sagte uns das Mütterchen Adios und winkte unserem Fahrzeug noch eine Weile hinterher.

Den Ort passierend, ergab sich schon wenige Minuten später ein neues Hindernis.

    Das Dorf Arure.
    Mitten auf der Straße liegt
    ein lebloser Hund –
    hält nur sein Mittagsschläfchen.
    Die Autos weichen ihm aus.

Unbeschadet von solchen Begegnungen mit Mensch und Tier (darunter auch ein paar Ziegenherden) hatten wir schließlich nachmittags hoch im Nordwesten Gomeras die idyllisch gelegene Streusiedlung Alojera erreicht, deren Bewohner überwiegend vom Tomatenanbau leben.

Die Glocke des kleinen Kirchleins begann soeben heftig zu läuten und wir überholten mit unserem Opel Corsa behutsam eine ganze Schar von fein heraus geputzten Dorfbewohnerinnen, die offensichtlich auf dem Weg zur Vorabendmesse waren.
  
    Samstag-Nachmittag.
    Die Frauen Alojeros
    rüsten zum Kirchgang.
    Grell geschminkt sind die jungen,
    die älteren krähenschwarz.

– Conrad Miesen

Zeichen

Wenn eine schwindsüchtige Sonne im Obstgarten auf schwankenden Blüten balanciert, von unermüdlichem Wind gepeitscht und regenwolkenverfolgt monatelang durch die Gärten mit ihren zerzausten Bäumchen immer im Kreise, von ihrem Chef, einem Gott getrieben um den grauen Globus einer grauen Zukunft streift, warme Küsse werfend dem errötenden Publikum unter dem Beifall vereinzelnd brummender Bienchen, dann tritt in den vielleicht die junge Frau heraus und schüttelt die Bäumchen, sammelt die Pfläumchen und schüttelt die Betten auf und gibt dem ganzen Verfahren ihren Halt, zumindest doch etwas...

    plötzlich die Nachricht
    von Mutters Tod und eine
    erste Reaktion:
    Muß sie anrufen, um mit
    ihr darüber zu sprechen.

Da es aber nicht so ist, ein Herr, weiß und faltig, mit seinen Krücken zwischen den Vorgängen, welche die Natur vor ihm öffnet, allein ohne einen frischen Apfel, und er allein der drohenden Kälte noch entgegenatmet und kaum ein anderes Zeichen zu geben vermag, so schreibt an seiner Statt ein Wind vielleicht neben einer Bank schnell noch was in den Sand.

– Beate Conrad

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. Februar 2014. Der Einsendeschluss ist der 15. Januar 2014.

 
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