Ausgabe November 2015 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 11 November 2015

Editorial

Vor kurzem schrieben wir den 21. Oktober 2015. Für die meisten wird dieses Datum, fiel nicht ausgerechnet ein Geburtstag, Hochzeitstag oder anderes Jubiläum darauf, wohl mit keiner besonderen Bedeutung verbunden sein. Den eingefleischten Freunden von Science-Fiction-Filmkomödien allerdings, wird es wohl anders ergehen. Allen anderen sei die Bedeutung dieses besonderen Tages kurz näher gebracht: Es war der 26. Oktober 1985, als sich der junge Marty McFly aus der Science-Fiction-Trilogie "Zurück in die Zukunft"  es war übrigens der zweite Teil  zusammen mit Doc Brown, dem Erfinder des Flux-Kompensators, und seiner Freundin Jennifer auf eine Reise knappe 30 Jahre in die Zukunft  zu jenem 21. Oktober 2015  begab, um seinen Sohn von einer Straftat abzuhalten. Dabei ergaben sich natürlich die zu erwartenden Probleme und üblichen Paradoxa, mit denen sich wohl alle Zeitreisenden früher oder später konfrontiert sehen. Soweit die Geschichte.
Fesselnder aber, als die Handlung mit ihren Irrungen und Wirrungen, sind wohl die Blicke des Drehbuchautors und des Regisseurs aus den 1980er Jahren heraus 30 Jahre in die Zukunft: da gibt es Hoverboards (schwebende Skatebords), fliegende Automobile  ja viele Dinge haben sich in die Lüfte begeben , sogar selbstschnürende Schuhe gibt es, bionische Implantate und Fertiggerichte, die in nur vier Sekunden zubereitet sind. Filmische Zukunftsvisionen sind meist sehr unterhaltsam, wenn nicht wegen ihrer Figurenkonstellation, dann doch wenigstens wegen der Vorschau auf die Erfindungen und kleinen Unentbehrlichkeiten, die uns eines Tages erwarten sollen. Nur bleibt als kleines Manko, dass sich jede dieser Zukunftsvisionen früher oder später an der Realität messen lassen muss. Die Kolonien auf dem Mond, die in den 1950ern angekündigt wurden, sind bis heute ein bloßer Gedanke geblieben. Und was ist mit den fliegenden Automobilen, Hoverboards und selbstschnürenden Schuhen? Zugegeben, auch ich habe in den letzten Jahren auf die eine oder andere dieser Errungenschaften gehofft und dem 21. Oktober mit einiger Spannung entgegen gesehen. Allerdings war spätestens am Abend des 20. Oktober wohl klar, dass es auch diesmal wieder keine fliegenden Autos geben würde; wohl nicht einmal Dieselmotoren, die die Abgasnormen erfüllen würden. Und ob am 22. März 2228 in Riverside, Iowa wirklich ein Junge mit dem Namen James T. Kirk geboren wird, wie es ein dort schon erwartungsfroh aufgestellter Gedenkstein ankündigt, werden wohl spätere Generationen überprüfen müssen. In einem Punkt wenigstens haben wir die früheren Fantasien der Hollywood-Science-Fiction-Autoren aber doch überflügelt: Das Fax ist heute fast aus unserem Alltag verschwunden und hat E-Mails und Smartphones seinen Platz abtreten müssen.
Eines, und dessen bin ich mir sicher, lässt sich aber mit Bestimmtheit voraussagen. Ob in 30, 100 oder 1000 Jahren, sollte es die Menschheit noch geben, werden auch Tanka geschrieben und das nicht nur in Japan. Es ist durchaus interessant sich vorzustellen, dass eines Tages die Menschen zukünftiger Generationen so auf unsere zeitgenössischen Tanka blicken könnten, wie wir heute auf die Texte des Man'yoshu. Welche Tanka diese zukünftigen Klassiker sind, lässt sich im Moment kaum sagen, aber vielleicht ist eines von ihnen in der neuesten Ausgabe von Einunddreißig zu finden, die jetzt online steht.

– Tony Böhle

Tanka-Auswahl November 2015

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 02. August 2015 und dem 01. Oktober 2015 eingereicht wurden, habe ich für die November-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 36 Tanka getroffen und einen meiner eigenen Texte beigestellt. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen, von denen maximal fünf in die Auswahl aufgenommen werden. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Ein Tanka, das mich besonders anspricht habe ich hervorgehoben und kommentiert.

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

An Sonntagen, damals
Großvater und
der einarmige Nachbar
erschufen aufs Neue
die Welt
                 – Reiner Bonack

Wie müssen sie wohl gewesen sein, die ersten Jahre nach dem Krieg, als die Städte noch in Trümmern lagen, viele Väter gefallen oder noch in Gefangenschaft waren und Mangel an allem herrschte? Dies sind meine ersten Gedanken nach dem Lesen dieses eindrücklichen Tanka gewesen. Den Zeitzeugen sind sicherlich viele Erinnerungen von damals geblieben, doch die heute junge Generation – zu der ich mich auch zähle – kennt die Zustände nur aus Erzählungen, von Fotos, Fernsehdokumentationen oder aus dem Geschichtsunterricht .
Reiner Bonack gewährt uns hier aus der Sicht eines Jungen Einblick in ein Geschehen, das aus dieser Zeit stammen könnte. Der Vater ist – aus welchen Gründen bleibt unklar – nicht da. Die Welt liegt, wie Hermann Hesse einst schrieb, in Scherben, und muss aufs neue erschaffen werden. Doch da sind nur der Großvater und der einarmige Nachbar. War Gott wenigstens am siebten Tag nach vollbrachter Arbeit Ruhe vergönnt, bleiben den beiden Männern nur die Sonntage für ihre Neuerschaffung der Welt. Ein Bild, aus dem die Not spricht.
Soweit der erste Eindruck – doch zieht man die biographischen Daten des Autors in Betracht (Reiner Bonack wurde 1951 geboren), ergibt sich eine neue Perspektive auf den Text. Es ist wohl eher die Zeit gegen Ende der 1950er Jahre oder zu Anfang der 1960er Jahre, in der das Geschehnis spielt. So lässt sich der Eindruck, dass das Beschriebene hier mit etwas genüsslicher Ironie seziert wird, nicht von der Hand weisen. Bleiben doch nur ein Alter und ein Versehrter übrig, um die ganze Welt neu zu erschaffen. Und vermutlich findet dieses Erschaffen nicht bei der Arbeit mit Hammer oder Spaten statt, sondern eher bei einem Gespräch am Gartenzaun oder gemächlichen Frühschoppen, zu dem die zwei ausgemusterten Gestalten Pläne für eine neue Welt nach ihrem Abbild schmieden und der Jugend Vorwürfe für alles machen, was da schief geht. Auch der Anfang des ersten Segments "An Sonntagen" deutet auf ein lieb gewordenes Ritual hin. Das Hinauszögern der Frage, was die beiden Männer denn nun aufs Neue erschaffen würden, bis ins letzte Segment, ist eine gestalterische Stärke, erhöht sie doch die Spannung und Erwartung der Leser auf eine Auflösung.
Der große Reiz dieses Tanka liegt wohl auch darin, dass es eine tragische wie auch eine humoristische Perspektive offen lässt. Gerade deshalb ein Text, der mir im Gedächtnis bleiben wird.

Die Auswahl

Von Jahr zu Jahr
ziehen unsere Schritte
engere Kreise
wir reden uns ein
es ist die Welt die schrumpft

                 – Valeria Barouch

Ganz tief im Körper
ist ein geborstener Geist
ruiniert vom Erdbeben,
drin eingeschlossen
unsichtbare Nachbeben

                 – Hauhiko Ichinomura

Feuer und Flamme
für den schweißtreibenden Job
ist der junge Schmied,
unter den Hammerschlägen
nimmt Fantasie Gestalt an.

                 – Ingrid Baumgart-Fütterer

Hab und Gut
in ihrem Umhang
verknotet
etwas das bleibt
ohne Worte

                 – Ilse Jacobsen


Ich spreche
über Licht im Schatten
leise
hinein in die tiefe Stille
der Lernenden

                 – Christa Beau

jeden Morgen
sein inspizierender Blick
in den Spiegel
und es bleibt ihm nicht verborgen
wieder weniger Haare

                 – Silvia Kempen

mit einem Schluck Milch
steigen sie langsam herauf:
die Wolken im Tee
und mit ihnen Gedanken
an die Trübnis dieser Welt 

                 – Tony Böhle

der Teekessel pfeift
wie damals zu Omas Zeit
und doch fehlt etwas:
der Duft des Küchenfeuers
in ihrer Kittelschürze

                 – Silvia Kempen

der alte mann mit bart
mir gegenüber in der bahn
blättert im koran und
bewegt die lippen 
als er aussteigt
grüßt er mich

                 – Gerald Böhnel

selbst der erntemond
verdunkelte sich
für eine weile
das alte licht
der sterne

                 – Eva Limbach

Auf dem Schoß
der Kater, eingerollt
in einen Traum

Nicht bewegen – was
ist schon Zeit

                 – Reiner Bonack

steigende Flut
du fragst mich
wer Mond und Sterne schuf
... auf unseren Zungen
das Salz des Universums

                 – Ramona Linke

An Sonntagen, damals
Großvater und
der einarmige Nachbar
erschufen aufs Neue
die Welt

                 – Reiner Bonack

Wie's früher dunkelt
und's sich schon merklich abkühlt
wo wir uns finden
Laternenlieder, Kinder,
auch St. Martin hoch zu Roß

                 – Horst Ludwig

Volksfest, ein Kutscher
schlägt auf sein Pferd ein –

wie damals
brennt auch
mein Rücken
                 – Reiner Bonack

auch im Dunkeln
dieser Schwung
in seinen Lippen
und so sperre ich
das Mondlicht aus

                 – Diana Michel-Erne

Wie kann
nach all dem Grauen
ein Tag
mit diesem Licht beginnen?
Wo bleibt denn da der Respekt?

                 – Ralf Bröker

Am Wasserbecken
in der alten Gärtnerei
Magie der Tropfen…
Hier stand ich mit den Eltern
vor über fünfzig Jahren.

                 – Conrad Miesen

in ihrer Tüte
ein ganzes Leben
in seiner Hand
ein paar kleine Münzen
und die ganze Welt

                 – Ralf Bröker

Die Stoppelfelder –
schlecht rasiertes Männerkinn,
dampfender Nebel
aus dem unsichtbaren Mund
mit einem herbstlichen Gruß.

                 – Conrad Miesen

Wiedergefunden
unter Weltkriegsruinen
ein Kirchenportal
aus jenem gelobten Land
führt der Weg der Flüchtlinge

                 – Beate Conrad

Im Augenblick
deines Gehens
fehlten mir die Worte

und draußen
wird es Herbst

                 – Andrea Naß

egal ob schwarz oder weiß
oder wie klug
deine Züge sind
am Ende setzt dich der Großmeister
SCHACHMATT

                 – Frank Dietrich

Einst eingeworfen
wurde ein Liebesbrief in
einen Fahrradkorb,
an so einen Jungen,
wie er eben vorbeifuhr

                 – Masami Ono-Feller

Klassentreffen.
Kein Haus, keine Kinder,
kein toller Job...
aber ich sehe jünger aus
als die meisten anderen

                 – Frank Dietrich

Schmutziggraues Naß,
einen Pinsel umspülend,
als Nebenprodukt
des leuchtenden Gemäldes
aus allen Wasserfarben.

                 – Wolfgang Rödig

als stieg sie die Stufen
des Regenbogens
hinab
die Katze
auf dem Klavier

                 – Frank Dietrich

geschlagen ans
Fensterkreuz glänzenden
Lichts
draußen bewegen sich
glückliche Gräser

                 – Angelica Seithe

Seitensprung –
auf dem Nachhauseweg
werde ich
eine Eidechse
ohne Schwanz

                 – Frank Dietrich

Kein Schlaf
der Sensenmann geht
die Gedanken ab
überm Dachfirst still
die schmale Sichel des Mondes

                 – Angelica Seithe

lieblich oder herb –
was für eine Frage!
Mein Glas absetzend
ergründe ich den Duft
eurer Aftershaves

                 – Heike Gericke

am Himmel
kleine Klingen
durchschneiden
das Blau des Sommers
bleibt unverletzt

                 – Angelica Seithe

die mumien aus palermo –
werden staub
jeden tag mehr
durch das gekippte fenster
fliegen sie davon...

                 – Ruth Guggemos-Walter

Dünungswellen
von weit weit her
so sanft
als wären es
einer Mutter Hände

                 – Helga Stania

helligkeit der nacht
auf unserer elliptischen bahn
den scheitelpunkt
längst überschritten
die stirn an den mond gelehnt

                 – Ruth Guggemos-Walter

Fiebernacht...
der ich war vergibt dem der
ich bin
durch das offene Fenster
treibt mein Geruch zum Mond

                 – Dietmar Tauchner

über den first
des löchrigen daches
laufen nickende tauben...
mein flügellahmer blick
zur aufgehenden sonne

                 – Ruth Guggemos-Walter

 

Das Tanka international Teil II - Chen-ou Liu

Chen-ou Liu wurde in Teiwans Hauptstadt Teipeh geboren und war dort u.a. als Herausgeber und Essayist tätig, unterrichtete am College und gewann den Best Book Review Radio Program Preis. Im Jahr 2002 wanderte er dann nach Kanada aus, wo er sich in Ajax, einem Vorort der Metropole Toronto niederließ. Dieses Ereignis wird auch immer wieder zum Gegenstand seiner Tanka. Heute ist er nicht nur einer der bekanntesten englischsprachigen Tanka-Autoren, sondern beschäftigt sich auch rege mit dem Haiku als weiterer Versform.
Neben der Arbeit an eigenen Texten engagiert sich Chen-ou Liu auch als Herausgeber und Übersetzer des ersten englisch-chinesischen Tanka- und Haiku-Blogs NeverEnding Story (www.neverendingstoryhaikutanka.blogspot.ca) für die internationale Verbreitung der japanischen Versformen. Seine Texte, die mittlerweile in 15 Sprachen übersetzt wurden, haben auch zahlreiche Preise erhalten, u.a. den ersten Preis beim 7. Internationalen Tanka-Festival Wettbewerb (2012) sowie den ersten und dritten Tanka-Preis beim im Internationalen Wettbewerb in San Francisco. (2011).
– Tony Böhle

sudden news
of her breast cancer...
I add
one more lump of sugar
to my morning coffee

plötzlich die Nachricht
von ihrem Brustkrebs…
in meinen Morgenkaffee
gebe ich
noch einen Würfel Zucker 

coming home
from the night shift...
a blanket
of snowy loneliness
covers my shadow and me

auf dem Weg nach Haus
von der Nachtschicht…
eine Decke
verschneiter Einsamkeit
bedeckt meinen Schatten und mich

our laughter flows
from one street block
to another...
mother's garden hose
spouting a rainbow 

unser Lachen fließt
von einem Straßenzug
zum anderen
Mutters Gartenschlauch
speit einen Regenbogen

after love
our bodies resume
their boundaries...
the sound of dripping water
becomes louder and louder

nach der Liebe
ziehen sich unsre Körper in
ihre Grenzen zurück…
der Klang tröpfelnden Wassers
wird lauter und lauter 

spider hammocks
suspended in dried corn stalks...
the deadly silence
between migrant workers
on the way to work

Spinnweben
aufgespannt in getrockneten Maisstängeln…
die tödliche Stille
zwischen den Wanderarbeitern
auf dem Weg zur Arbeit 

I'm a poet!
announced at New Year's dinner...
a faint smell
of disapproval
lingering in the room

Ich bin Dichter!
kundgetan beim Sylvesteressen…
ein schwacher Geruch
von Missbilligung
bleibt im Raum zurück

a shooting star
across the pub windows...
coins clatter
into the tray
of a slot machine

eine Sternschnuppe
zieht durch die Kneipenfenster…
Münzen klingeln
in die Schale
des Spielautomaten

you're not tuned
into me anymore...
I take her hand
as the traffic noise
filters over us

du bist nicht mehr
auf meiner Wellenlänge…
ich nehme ihre Hand
als der Verkehrslärm
sich über uns legt

three words
then an awkward silence
between us...
the woodpecker's knock
echoing through the trees

drei Worte
und dann ein betretenes
Schweigen zwischen uns…
das Klopfen des Spechts
hallt durch die Bäume

before the ceremony
I stand in front of the mirror…
my Chinese self
here in yesterday's dream
gone in today's mist
                 for naturalized Canadians

vor der Zeremonie
stehe ich vor dem Spiegel…
mein chinesisches Ich
hier aus den gestrigen Träumen
gegangen in den heutigen Nebel
                 für eingebürgerte Kanadier

Einfach zu Herzen

Sicher gibt es in jeder Kultur Wörter, die bei ihren Menschen sogleich besonders gefühlvollen Nachhall erwecken. In Japan gehört dazu asahi, "Morgensonne", ein drittes dort wohl nur nach der hana, der Blüte, die aber immer gleich die Kirschblüte ist, und dem tsuki, dem Mond, dem großen runden Herbstmond. Die "russische Seele" in deren Meßgesang und T. S. Eliots "violet hour" (violette Stunde) gehören dazu, wie bei uns "sternklar" zu Weihnachten, der "Maien" überhaupt, aber auch "Abendstille", und für die deutschsprachigen Haikudichter wohl auch "Herbstfarben".

    Bis tief in mein Herz
    mit Asahi-Katheter
    und Berufskönnen,
    um da was auszuräumen
    und einiges zu richten


– Horst Ludwig

Große Steine

Mit dem müden Licht an einer abgelegenen Stätte tröpfeln Menschen herbei, ohne daß ihre Nacht sie ganz freigäbe.  Eine Stimme tritt hervor.  Eine Stimme, als spräche sie mit dem Timbre eines alten Windes, der die ungewohnten Halslippen einer bauchigen Flasche ertastete, dabei über einen kleinen Wall stolperte, der wie eine verlorene Mönchsferse aussah, und so eine leere Coladose von einem Pfostenloch zum nächsten beförderte und versehentlich weiße Flocken und kalten Regen in die beginnende Versammlung streute, aus der er jedoch geschwind wieder hinausfuhr, um fallend übers karge Gras ganz ins Weite zu streichen.

    Findlinge im Kreis
    wie ein Gedächtnis langsam
    eine Form annimmt
    wie Schatten der Vorfahren

    in schon sinkender Sonne


– Beate Conrad

Im Schilf-Labyrinth

Wer sich mit den geheimnisvollen Labyrinthen, diesen Sinnbildern des verschlungenen Lebensweges, näher beschäftigt hat, weiß um den klaren Unterschied zwischen Irrgarten und Labyrinth. Ein wirkliches Labyrinth kennt keine Kreuzungen und Sackgassen sondern nur einen einzigen Weg, der nach vielen Biegungen ins Zentrum führt.
 
An eben diesem zentralen Diktum bin ich jedoch gestern im riesigen Schilf-Labyrinth des Hunsrücker Höhenhofes nahe Holzbach  irre  geworden. –
Alles fing so harmlos an, als ich an jenem Sommertag mit der Familie die Gänge des ausgedehnten Labyrinths zwischen den engen Schilfwänden betrat.
 
Wir hatten wohl unsere Geduld überschätzt. Allzu bald wurde aus dem Labyrinth ein Irrgarten, weil wir versuchten, eine Querachse, die als Fluchtweg und Abkürzung ausgeschildert war, zu nutzen und plötzlich gar nicht mehr weiter wussten. –  Vor allem die Kinder waren es lang schon leid, sich Gesichter, Arme und Beine an den Schilfhalmen aufzureiben und wie orientierungslose Ratten in einem Versuchsfeld endlos herumzulaufen.
 
Wer weiß, wie es ausgegangen wäre bei dieser brütenden Hitze, wenn unser Töchterchen Sarah zusammen mit ihrem Bruder nicht plötzlich einen seltsamen Plan entwickelt hätte.
 
    Irrgarten im Schilf.
    Zornig den Ausgang gesucht
    und ständig verfehlt –
    Kinder finden die Lösung:
    Einfach durch Wände gehen.
 
Wir durchschritten behutsam die lebendigen Trennwände, indem wir mit Händen und Armen ganz langsam die Halme teilten. Dank kindlicher Phantasie waren wir unversehens dem vertrackten Irrgarten entkommen.

– Conrad Miesen

Namen

Noch zu Hause hatten wir Nachbarn, die hatten vier Kinder:

    Josef, Maria,
    Elisabeth und Hedwig, 
    welch alte Kultur
    einfacher Bauersleute
    solche Namen kennzeichnen.

Der Vater war eingezogen. Die Mutter hielt den kleinen Hof in Stand, und die beiden älteren Kinder halfen dabei auch schon mit. Hedla und ich spielten oft im Sandkasten zusammen. Das Brot, das die Mutter alle vier Wochen backte, schmeckte mir besonders gut, und ich bekam immer ein halbes Dutzend Schnitten mit nach Hause.

– Horst Ludwig

Rot

Vor einer Ampel. Hinten auf dem Kindersitz mein dreijähriger Sohn. Er schläft.

Plötzlich, jemand reißt die Hintertür auf. Ich will hinaus. Das geht nicht, ein zweiter Mann hält sie zu. Dann sind sie fort, mein Kind auch. Wo sind die hin? Ich rufe um Hilfe. Niemand hört es. Panik!

Vor dem Polizeirevier. Keine Ahnung, wie ich hergekommen bin. Den ersten Polizisten flehe ich an: „Sie müssen meinen Sohn suchen, er wurde entführt.“ Der schaut ungläubig. Er glaubt mir nicht! Ich heule, ich schreie und – wache auf.

    Sonnenaufgang
    alles rückt an seinen Platz
    Licht und Schatten
    wie es sich gehört
    an einem schönen Sommertag

– Silvia Kempen

Verspätungen

Als er letztens den Kopf verlor, da, wo alles so in den Raum gedehnt war, genau dort begab es sich:

    Als wär er ein Freund,
    ein ständiger Begleiter,
    so ein fremder Arm.
    Zur Entschuldigung führte
    er einzig die Hitze an.

In der Tat hatte sich das Material derartig verzogen, daß nun auch die Gewichte nicht mehr stimmten und der Anker durchrutschte.  Von der Goslarschen präzisionsgeschätzten 1848er-Kirchturmuhr schlug's also, was das Zeug hielt, bis schließlich die Gravitation der gesamten Unruhe Einhalt bot.
Derartig und schnell angezogen, lärmten nun die umliegenden Anwohner dem Pastor mächtig ins Ohr.  So daß der daselbst auf seinem Weg hinauf zur Kirchturmspitze mit Gottes Gnaden Kopf und Kragen riskierte.


– Beate Conrad

Zehn Kyoka  Zufall beim Tanka-Schreiben


Gesundes Leben beginnt
doch mit richtigem Essen.
Also erstmal ran.
In der Natur hat's genug
an unsaturiertem Fett.


Komiker und Clown,
Haikudichter auf Reisen
weit durchs Hinterland
zu was angehobener,
nicht wahr ja, Unterhaltung.


Zum Schulwandertag
selbstverständlich auch Fragen

was sein muß, muß sein.
Das ist eine Halde, das
ist nicht der heilige Berg.


Pazifiknachtflug
sie erzählt, erzählt, erzählt
und letztlich sogar
nicht mal uninteressant;
auf einmal hört man doch zu.


Blick vom Shinkansen
auf Häuser, Fabriken, Parks,
auf die weite See.
Hin und wieder ein Tunnel, 

attraktiv die Stewardess.


Fünfzigjahrfeier
des jetzt bekannten Malers;
Festessen, Musik
und mehrere Ansprachen,
eine zu 'n Fälschungen


Auf dem Rednertisch
vor dem Pult eine Vase
mit blauen Blumen.
Da diskutiert man Haiku
und was man nicht sagen muß.


Halloweenhexen
auch beim Besuch in Deutschland
für die Töchterchen.
Dabei gäbe's doch soviel
andre 
 und echte  Kultur.


Wintersonne schwach
unter einem Astbogen
ein Kreuz am Wege.
Alles ein gutes Motiv,
den Rest korrigiert's Programm.


Ihr Grund zur Scheidung:
Sie möchten glücklicher sein
als sie's bisher waren.
Wer immer strebend sich müht,
die müssen wir erlösen.

                        – Horst Ludwig

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. Februar 2016. Der Einsendeschluss ist der 01. Januar 2016.

 
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