Ausgabe November 2016 - Einunddreißig

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

ältere Ausgaben > 2016

Ausgabe Nr. 15 November 2016

Editorial

Aufsätze/Essays

Tanka-Auswahl November 2016

Tanka-Bilder/Foto-Tanka

Tanka-Prosastücke

Features

Mitteilungen

Tony Böhle

Editorial

Nach einem wundervoll sonnigen September, mit dem der Herbst begann, zeigt er sich nun von seiner schroffen Seite. Tagelanger Regen, kühle Morgende, Nebel, klammer Wind und rutschige Bürgersteige mit bunten Blättern bedeckt.
In der klassischen japanischen Literatur ist der Herbst mit Einsamkeit, Abschied und Vergänglichkeit assoziiert. Ein jahreszeitliches Motiv, das sich auch in der westlichen Welt findet. So ist es wohl kaum ein Zufall, dass am Ende des Kirchenjahres im November der Totensonntag steht. Ein Tag in den evangelischen Kirchen Deutschlands und der Schweiz, der dem Gedenken an die Menschen dienen soll, die uns im letzten Jahr und auch den Jahren davor verlassen haben.
Beim Schmücken der Gräber mag einem auch der Gedanke an die eigene Vergänglichkeit kommen und damit die Frage, was nach dem physischen Verschwinden vom eigenen Leben bleibt. Wie werden einen die Menschen in Erinnerung behalten, mit denen man eng vertraut war? Oder hat man auch über persönliche Beziehungen hinaus Spuren hinterlassen?
Die Dichter, deren Werke Einzug in die bekannten Waka-Sammlungen fanden, haben – zumindest in Japan – im kollektiven kulturellen Gedächtnis einen Fußabdruck hinterlassen. Von einigen weiß man kaum mehr als ihrem Namen und dem, was sie in ihren Texten von sich preisgaben. Eine unglückliche Liebe, das Leiden an einer schweren Krankheit, Szenen aus dem Leben eines Kriegers, Geldsorgen oder eine berührende Erfahrung der Natur. Einige dieser heute so bekannten Waka dürften ursprünglich kaum für die Ohren der Öffentlichkeit bestimmt gewesen sein. Doch haben sie ihren Urhebern zu großer Bekanntheit verholfen. Und wir? Auch wir beschäftigen uns mit der alten Kunst des Dichtens in den japanischen Versformen. Wenn wir bewusst das eine Tanka schreiben dürften, das von uns später einmal bliebe, was würden wir wohl zu sagen haben?
Vielleicht liegt das Geheimnis des großen künstlerischen Wertes vieler Tanka gerade darin, dass sie nicht als Konzentrat der Lebensweisheit einer Person geschrieben wurden. Sie sollen uns nicht belehren oder einen wohlgemeinten Rat erteilen. Viele Tanka sind simple Eruptionen der menschlichen Seele, deren Gesteinsbrocken wir noch heute aufsammeln und ausführlich betrachten können. Und genau solch eine Betrachtung ist es, zu der ich alle Leser der neuesten Ausgabe von Einunddreißig herzlich einladen möchte.

Beate Conrad
Auf der Reise durchs Felsengebirge

Mitunter bleiben neue Gedichte gleich länger im Gedächtnis. Das mag besonders für solche gelten, die durch ihren Klang und Rhythmus direkt ins Ohr gehen. Doch sind es weniger die oberflächlich Aufmerksamkeit heischenden Klangeffekte. Weit öfter sind es jene Gedichte, wo eine sprachliche Klangqualität und deren Klangvariationen einen subtilen Ton, eine unterschwellige emotionale Stimmung und eine Atmosphäre schaffen, die sich dem lesenden Hörer einprägt und zu näherer Auseinandersetzung anregt.
So geht einem dieses Tanka nicht so leicht aus dem Sinn: "Durch die lange Schlucht / galoppiert ein wildes Pferd / auf mich zu, ich hör's / deutlicher und deutlicher, / wie's hallt aus hohlem Gestein." [1] Hier schließen sich Klang- und Bildwahrnehmung zu einem direkten lebhaften Eindruck zusammen: Wir hören und sehen ein wildes Pferd durch eine Felsenschlucht galoppieren, dessen zunächst noch fernes Echo ein innerer Sprecher immer deutlicher vernimmt, so daß auch wir als Leser unmittelbar seine Hufschläge auf uns zukommen hören. Dabei werden die Hufschläge schneller und lauter, unser Pulsschlag wird stärker und unsere Atmung schneller. Eine derartige Erlebnisnähe aus Bild, Ton und Emotion, die uns in (An-)Spannung versetzt, fordert uns geradezu heraus, dieses Ereignis genauer einzuordnen. Wo erleben wir ein wildes Pferd auf diese Weise? Oder wenn nicht ein wildes Pferd, dann doch ein recht rasant galoppierendes Pferd in enger Felsenumgebung? Und warum galoppiert es wohl so wild?
Beim genaueren Lesen fällt auf, daß die Sprache der ersten beiden Segmente derart realistisch beschreibend formuliert ist, daß sie eine gute Übersicht zu einem konkreten Ereignis vermittelt. Nämlich so, als beobachteten wir Leser gemeinsam mit dem inneren Sprecher ein Geschehen, wohnten einer Aufführung bei oder sähen einen Film an. Dieses besonders gestaltete Verhältnis der Ferne und Nähe von Geschehen, innerem Sprecher und Leser läßt das lebhafte Ereignis nun besser einordnen. In deutschen Landen sähen wir uns vielleicht gerade die Karl-May-Festspiele am Kalkberg im holsteinischen Bad Segeberg oder im sauerländischen Elspe an, wo Ol' Shatterhand und Winnetou unter Einsatz ihres Lebens im Wilden Westen Nordamerikas für Recht und Ordnung sorgen. Wir hören nun neben dem Felsenecho des galoppierenden Pferdes womöglich sogar die entsprechende Musik mit dem Winnetou-Thema von Martin Böttcher, denn die im Tanka gezeichneten örtlichen und klanglichen Gegebenheiten holen assoziativ weitere Klangerlebnisse in uns hervor.
Auch von jenseits des großen Teiches, also direkt von den Vereinigten Staaten, erklingt die dort weithin bekannte Radiotitelmelodie des "Lone Ranger", des einsamen Rangers in der Wildnis herüber, der in den westlichen Territorien, ähnlich wie Karl Mays amerikanische Helden, durch die Rocky Mountains auf seinem silberweißen Hengst mit dem Ruf "Come on, Silver! Let's go, big fellow!" [Komm Silber, los geht’s, großer Kerl!] reitet und für Sittlichkeit und Ordnung unter den Siedlern sorgt, dabei öfter in die Klemme gerät gemeinsam mit Tonto, seinem indianischen Freund. Dabei geht der Urspung dieser Titelmusik sogar auf das Finale von von Giacomo Rossinis Wilhelm-Tell-Ouverture zurück und enthält auch Elemente aus Smetanas "Die Moldau". Die Film- und Radioserie basiert auf dem Buch "The Lone Star Ranger" von Zane Grey. Durch diese Form der Intertextualität- und Intermusikalität sammeln sich im Tanka verschiedene Kulturerlebnisse verschiedener Zeit, wie sie auch dem kulturellen Hintergrund des Autors entsprechen. Sie stimulieren Sinne und Imagination.
Wenn wir nun noch einmal mit schon geschärftem Ohr zum Tanka-Text zurückkehren, läßt uns etwas trotz schnellem Galopp innehalten, und zwar spätestens in Segment e: Hier klingt was nicht mehr einfach heroisch hell, sondern hallt hohl aus dem Gestein. Eine eigenartige Wendung in der Klangfarbe, aber auch im Ereignis und in unserer Erwartung: Denn das Pferd scheint nicht mehr dichter zu kommen und uns mit seiner wilden Energie förmlich überrennen zu wollen, wie doch gerade eben noch. Stattdessen gibt es nur ein hohl hallendes Echo. Als wären wir ganz außer Atem geraten, – das scheinen nun auch deutlicher und deutlicher die h-Stabreime, die ch-Spiranten und die t-Laute anzuzeigen, die wir vorher vielleicht nicht so bewußt wahrgenommen haben.
Die Stimmung auf der Reise durchs Felsengebirge scheint eine andere Färbung bekommen zu haben, bemerken wir nun bei der gemeinsamen Rast mit dem inneren Sprecher. Die Atmosphäre scheint etwas ernster geworden, als kündigte sich hier mitten auf der Reise, also inmitten des Lebens, im hohlen Ton ein Nachlassen der Kräfte und ein erstes Ahnen von etwas mit größerer Tragweite an. Im Gedicht "Denk es, o Seele"mit dem Mörikes Novelle "Mozart auf der Reise nach Prag" [2] ohne Titel endet, heißt es in der zweiten Strophe:

     Zwei schwarze Rößlein weiden
       Auf der Wiese,
       Sie kehren heim zur Stadt
       In muntern Sprüngen.
       Sie werden schrittweis gehn
       Mit deiner Leiche;
       Vielleicht, vielleicht noch eh
       An ihren Hufen
       Das Eisen los wird,
       Das ich blitzen sehe!

Diese Zeilen schließen uns – nebst den Reiseaspekten der Novelle selbst – einen weiteren intertextuellen Zusammenhang zum Tanka auf. [3] Wie in Horst Ludwigs Tanka ist in der Stimmung bei der Heimkehr der Rößlein ein Umbruch angelegt. Die munteren Sprünge wandeln sich ins Schrittweise und womöglich sogar ins Unbewegliche, falls die Pferde ihre Hufeisen los werden. Im Tanka wandelt sich parallel dazu der Klangeindruck des hellen kraftvollen Galopps in ein fast schon gestriges hohles Echo des Gesteins. Mit "Vielleicht, vielleicht noch eh" im viertletzten Vers des zweiten Strophe scheint in Mörikes Gedicht das Ungewisse, aber auch das Unerwartete und Überraschende des Todes auf. Im Tanka könnten wir den hohlen Hall deutlicher und deutlicher – in seiner Form übrigens parallel zu Mörikes vielleicht, vielleicht – in eine unterschwellige Gewißheit der Seele übersetzen, die damit auch den Wandel des inneren Sprechers selbst herbeiführt: Der Sprecher ahnt nicht nur, er denkt es, also das, was das Felsengebirge, das Gestein der Schlucht kündet, und hört's auf sich zukommen, – so, wie wir Leser es auch hören, wenn wir unsere Seele "Denk es" denken lassen.
________________
Anmerkungen
[1] Horst Ludwig: "Durch die lange Schlucht", Einunddreißig, Tanka-Magazin, Nr. 13, Mai 2016.
[2] Eduard Mörike: Mozart auf der Reise nach Prag, Novelle, in Gesammelte Werke, S.213-281.
[3] Robert Frost, "The Prerequisites", Selected Prose of Robert Frost, ed. Hyde Cox and Edward Connery Lathem (New York: Holt, Rinehart & Winston, 1966), p. 97: A poem is best read in the light of all the other poems ever written. We read A the better to read B (we have to start somewhere; we may get very little out of A). We read B the better to read C, C the better to read D, D the better to go back and get something more out of A. Progress is not the aim, but circulation. The thing is to get among the poems where they hold each other apart in their places as the stars do. 
Ein Gedicht lesen wir am besten im Licht aller jemals geschriebenen Gedichte. Wir lesen A, um besser B zu lesen (irgendwo müssen wir ja anfangen, selbst wenn wir sehr wenig von A verstehen). Wir lesen B, um besser C zu lesen und C für D. D lesen wir wiederum besser, wenn wir zurückgehen und nun etwas mehr von A verstehen. Fortschritt ist nicht das Ziel, sondern eine zirkuläre Texterschließung. Es geht nämlich darum, sich mit den Gedichten vertraut zu machen wie mit verschiedenen Sternen, die sich gegenseitig in ihrer Position ergänzen. (Übersetzung: Beate Conrad)

Tanka-Auswahl November 2016

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 01. August 2016 und dem 30. September 2016 eingereicht wurden, habe ich für die November-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 34 Tanka getroffen und zwei meiner eigenen Texte beigestellt. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Ein Tanka, das mich besonders anspricht habe ich hervorgehoben und kommentiert.

Tony Böhle

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

ein lautes Kreischen
in der Stille des Waldes
meine Gedanken
zählen die Jahresringe
dieser alten Esche
                 – Silvia Kempen

Wieder ein hektischer Tag, eine kraftraubende Woche. Arbeit, Familie, Freunde, Behörden, alle haben uns in Anspruch genommen, vielleicht wieder einmal über unsere Kräfte hinaus. Was ist da eine bessere Möglichkeit alles hinter sich zu lassen, als ein Spaziergang im Wald. Und dann... ein "lautes Kreischen", vertreibt "die Stille des Waldes". Offensichtlich schneidet sich eine Motorsäge durch einen Baum. Dies könnte der äußere Handlungsrahmen von Silvia Kempens Tanka sein, das ich hier etwas genauer betrachten möchte. Doch ist es wirklich nur dieses Geräusch, welches das Schweigen des Waldes bricht? Die Positionierung des Wortgruppe "meine Gedanken" als Scharniersegment lässt dies bezweifeln. So werden die eigenen Gedanke zum störenden Lärm (ein lautes Kreischen / in der Stille des Waldes / meine Gedanken).
Das Abstandnehmen von den eigenen Gedanken, diese kurzzeitige Flucht vor der Welt scheint nicht zu funktionieren, zumindest diesmal nicht. Es können hier die eigenen Gedanken sein, die genau wie eine Motorsäge die Stille stören und sogar noch lauter, unerbittlicher sein können. Auch symbolisch wird so die Aussage noch einmal herausgearbeitet: der Wald, der die Ruhe und Entspannung bringen sollte, auch ihm geht es an den Kragen, eine Esche wird gefällt und es wird wohl nicht die letzte sein. Der Wald, der gerade für uns Deutsche eine kulturell so wichtige Bedeutung hat – man denke nur an Grimms Märchen, die unzähligen Ölgemälde mit Szenen der Wald- und Jägerromantik oder Chöre und Lieder, die den schönen Wald besingen –, der Idyll, Romantik und mysteriöse Märchenwelten symbolisiert, triff hier plötzlich auf die moderne reale Welt.
Auf der anderen Seite des Scharniers (meine Gedanken / zählen die Jahresringe / dieser alten Esche) steht ein Gedankenspiel. Wie lange mag die "alte Esche" schon im Wald gestanden haben, die da gefällt wird? Das Kreischen der Motorsäge beim durchschneiden des Stammes mag wohl einen Hinweis geben. Da im Tanka aber nur "die Gedanken" die Jahresringe zählen, ist das lyrische Ich wohl nicht in unmittelbarer Nähe zum Geschehen. Doch wie kann man so wissen, dass es sich ausgerechnet um eine Esche handelt? Nun, das lyrische Ich ist den gleichen Weg wohl schon des öfteren entlang gegangen, wahrscheinlich sogar regelmäßig, kennt den markanten Baum also und hat wahrscheinlich zuvor die Markierung zum Fällen gesehen. Auch symbolisch hat es die Esche in sich: in der nordischen Mythologie ist der Weltenbaum Yggdrasil eine Esche. Ist es hier eine ganze (eigene) Welt, die mit Baum fällt? Das Absehbare ist also geschehen und das Zählen der Jahresringe lässt wohl auch an die eigene Vergänglichkeit denken. Beim Lesen kam mir ein Tanka von Claire Everett in die Gedanken, die einen Waldspaziergang ähnlich thematisiert und zum Abschluss noch einmal zitiert sein soll: unshackled from myself / I am just / a passing thought / in the mind / of the forest (entfesselt von mir selbst / bin ich nur / ein vorübergehender Gedanke / im Geist / des Waldes).

Tony Böhle (Editor)

Die Tanka-Auswahl

sunlight’s glow
caught in dew
early morning
full of promise
across the earth


das Leuchten des Sonnenlichts
gefangen im Tau
früher Morgen
voller Verheißung
über der Welt
                 – Joanna Ashwell
                    Überstzung: Tony Böhle

Hat nichts mehr, doch dankt...
  Hart und sogar schmerzhaft,
  das anzuhören:
Opfer des Erdbebens,
  Opfer des Tsunami.

                 – Haruhiko Ichinomura

dein Anruf
in aller Herrgottsfrühe
frage ich mich
ob auch bei dir
der Sommerflieder blüht?

                 – Ilse Jacobson

Der Silberreiher
spiegelt sich im klaren See,
schaut verliebt aufs Bild,
das im Wasser leicht verschwimmt,
sich auflöst, als er eintaucht.

                 – Ingrid Baumgart-Fütterer

Wohnungsauflösung
zum Schluss nur kahle Wände
und das Erinnern
in Großmutters Garten
streut Goldlack seine Farben

                 – Silvia Kempen

Im Herbst
erblüht schlussendlich
Mauerblümchens Stolz
von der Rose wenigstens
die Dornen zu haben

                 – Valeria Barouch

ein lautes Kreischen
in der Stille des Waldes
meine Gedanken
zählen die Jahresringe
dieser alten Esche

                 – Silvia Kempen

in dieser Welt
sind sie mir etwas wie
ein Schwert und Schild:
mein strahlend weißes Lächeln
und das knitterfreie Hemd

                 – Tony Böhle

was sie zurückließ
in den Wirren des Krieges
unaussprechlich
die ersten sieben Buchstaben
ihres Vornamens

                 – Eva Limbach

mit dem Finger
liest du meine Krümel auf –
eine Sanftheit
liegt in der Bewegung,
die deinen Worten fehlt

                 – Tony Böhle

Heilkräuteroma,
das Laub verfärbt sich wieder
an unserm Wege.
Und's wird wohl harscher als sonst,
der Himmel ist merkbar anders.

                 – Horst Ludwig

verfolgt durch dunkle strassen
quer über felder
mein mörder zückt den dolch
und ich –
erwache...

                 – Gerald Böhnel

Die Krähen schreiten
von frischem Aas zur Seite,
lassen mich schnell durch
zu'n Herzmuskelübungen
zum 80. Geburtstag.

                 – Horst Ludwig

Gibt es dort Leben
in der Kälte des Alls
fragst du, suchst
unter den Sommersternen
meine Hand

                 – Reiner Bonack

sieh doch
mein Blick, gefangen
in mir selbst
und du sperrst mich noch
in diesen Bilderrahmen

                 – Diana Michel-Erne

Scheiben, wrasenbeschlagen
im Kessel brodelte Lauge
Wunde Hände
strichen am Abend
des Waschtags sanft durch mein Haar

                 – Reiner Bonack

Noldes Farbentanz
der ‚ungemalten Bilder‘
tief eingesogen...
Ein gutes Stück Proviant
für trübe Wintertage.

                 – Conrad Miesen

über den Burger
hinweg in ihre Augen
auf ihre Lippen
den Hals hinunter und dann
tropft mir Mayo auf den Schoß

                 – Ralf Bröker

Ein Dorf namens ‚Welt‘
mit Kirchwarft und den Fennen,
Vieh auf der Weide –
Das Schild „Hartli willkommen“
in kaum mehr lesbarer Schrift.

                 – Conrad Miesen

ein Kindergesicht
auf einem Frauenkörper
lässig schaut sie aus
wenn sie die Männer anspricht
ihnen gibt, was sie bestellen

                 – Ralf Bröker

Der Fernseher läuft.
Programm gegen Einsamkeit
und Morgengrauen,
schier unendlich weit entfernt
von nächster Sendepause.

                 – Wolfgang Rödig

Am Boden breitet
der Herbst braune Blätter aus
langsam verstummen
auch die Vögel und warten
auf Antwort aus der Ferne

                 – Beate Conrad

Hospiz… bald höhlen
des Todes graue Krater
Menschengesichter –
dem Trösten schöne Schalen,
sein Balsam einzugießen!

                 – Dyrk-Olaf Schreiber

Der Reisende feilt
noch an der weißen Weste
eine Mondsichel
konvex oder auch konkav
zur Motel-Spiegellaune

                 – Beate Conrad

Rose um Rose
welkt dahin – Doch ich
verteidige bis aufs Blut
ihre wundermächtige
Wurzel vor meinem Fenster

                 – Angelica Seithe

Frühlingswiese
ich bin eine Biene
gefangen
im Körper
eines Homo Sapiens

                 – Frank Dietrich

Schattenschlummer
im Garten leicht bekleidet
aufgewacht
Wie eine schwere Decke
die Hitze auf meiner Haut
                 – Angelica Seithe

… na gut, dann
ist es eben kein Zaun
aus Kinderknochen
 
aber meine Nachbarin
ist trotzdem eine Hexe!

                 – Frank Dietrich

Hoher Nebel
nimmt dem Münster
seine Spitze
Alle Gebete
bleiben am Boden

                 – Angelica Seithe

wenn ich
unsere Beziehung
in nur einem Wort
beschreiben müsste:
Glasflügelfalter

                 – Frank Dietrich

Wetterleuchten
und rollender Donner,
bedrückend,
über Stunden
Vaters Schweigen

                 – Helga Stania

hätte ich doch damals nur
die Zeichen gelesen…
der flüchtige Handschlag
deiner Mutter
der Trockenstrauß ohne Duft

                 – Frank Dietrich

leicht koloriert
mein Kindergesicht –
dieses Bild
neben der Uhr
die mit mir altert

                 – Helga Stania

REM-Phase
die schlaflosen Augen
jagen
einem geträumten
Hasen hinterher
                 – Frank Dietrich

Liebe
meerestief und weltverloren
Katarakt und Glitzersee
doch endlich nur ein Rinsal
das im Sand versickert

                 – Erika Uhlmann

Die Leute, Häuser,
  Städte so, wie nach
  dem Tsunami,
nur die Nachrichten
  werden positiver und heller.

                 – Haruhiko Ichinomura

 

Horst Ludwig
Bucherlebnis

Nach dem Kriege, wo bei uns das Geld ja nichts wert war, sammelte ich Heilpflanzen für die Pharmazie und bekam dafür in der Schule ein paar gute Noten in Biologie. Als man nach der Währungsreform mit Geld aber wieder was kaufen konnte, sammelte ich gleich mit weit größerem Eifer, verzichtete auf die Schulnoten, nahm stattdessen das Geld und kaufte mir damit meine ersten drei Bücher: Dakota, Der Kampf der Dakota und Der Untergang der Dakota. Jetzt, wo ich als alter Mensch etwas Zeit habe, durchreise ich die Gegenden, von denen ich damals gespannt in meinen Büchern las.
 
    Am Little Bighorn
    wo's zu wildester Schlacht kam
    spricht wer überlegt
    über die großen Helden
    meiner Kinderspielkriege
 
    Wenn ein Kavallerist
    sein Pferd erschießt, dahinter
    sich dann verteidigt,
    weiß er, daß er's Abendrot
    nicht mehr erleben wird.

Ralf Bröker
Matjes und Saumagen

Gegenseitig haben sich die Tische in der pfälzischen Friesenstube samt Bestuhlung und Bänke hochgeschaukelt. Längst erlöschen zwischen Matjes und Saumagen kaum geborene Schlüsselwortsilben und Haibunfetzen zischend im weingetriebenen Stakkato der Gruppendynamik. Am Ende reicht uns der Wirt den Trollbecher.

    meine Zeilen
    riechen heute wieder
    nach Ruhmsucht
    eile also ins Bad und
    putze mich herunter

Valeria Barouch
Nachwuchs

Seit Jahren ging er beinahe täglich an dieser Hecke entlang. Eine alte Hecke, so stark zurück geschnitten, dass sie vor allem aus kümmerlichen, verkrümmten Zweigen bestand, die sich kaum mehr die Mühe gaben da oder dort die Einfarbigkeit mit einer Blüte zu brechen. Sie war so langweilig wie der Strassenbelag und so schlängelten sie sich in gemeinsamer Eintönigkeit dem Stadtrand entgegen.
Doch dann, ging der alte Mann zwei Sommer lang Richtung Stadt mit den Augen unentwegt an den Strassenrand geheftet. "Nichts, immer noch nichts", konnte man ihn murmeln hören bis er eines Tages stehen blieb. Ein Lächeln verklärte sein Gesicht als er flüsterte: "Na endlich, da seid ihr ja."
 
    Die Prunkwinde
    heimlich gesät
    noch etwas scheu
    er schreitet die Blüten ab
    mit den Augen eines Vaters

Horst Ludwig
Nahezu namenlos

Hoch im mächtigen Felsengebirge gibt es noch besonders schöne Flüsse mit klaren Wassern und reich an Fischen, und ihre Namen kennt fast keiner, weil sie weiter unten in einen anderen Fluß fließen, und der später wieder in einen andern und der erst dann schließlich bebrückt auf der Autokarte eine Rolle spielt. Aber wenn so einer vielleicht sogar Zeitzonengrenze ist, kann das zu fast unglaublicher Erzählung führen.
 
    Plätschernde Elfen
    im Herbstmorgensonnenlicht-
    flattern des Flusses
    vor glitzernder Felsenwand
    noch vom rauhen Nachtnebel

Beate Conrad
Per aspera ad astra*


    Ein Leben endet,
    wo das Eis am Ufer bricht
    und seine Schwingung
    noch vor der Morgenröte
    über einem Meer verhallt.
                                                                                                O Röschen rot,
                                                                                                Der Mensch liegt in größter Not,
                                                                                                Der Mensch liegt in größter Pein,
                                                                                                Je lieber möcht' ich im Himmel sein.
                                                                                                Da kam ich auf einem breiten Weg,
                                                                                                Da kam ein Engelein und wollt' mich abweisen.
                                                                                                Ach nein, ich ließ mich nicht abweisen!
                                                                                                Ich bin von Gott und will wieder zu Gott,
                                                                                                Der liebe Gott wird mir ein Lichtchen geben,
                                                                                                Wird leuchten mir das ewig selig' Leben!
                                                                                                aus Des Knaben Wunderhorn

URLICHT. Zunächst war alles simpler, gedrängter, doch sollte es über die Zeit schon werden: die Totenfeier in einem ungewöhnlichen Satz, später die Rückerinnerung an die Unschuld und die Jugendzeit, dann Des Antonius von Padua Fischpredigt – obwohl es da heißt: "Die Predigt hat g’fallen, Sie bleiben wie allen" – ein rechter Choral alsdann zum Weltenuntergang der jüngste Tag in einem fünften Satz, aber ganz anders als Beethovens Ode. Nämlich als ob ein großer Poet Himmel und Hölle beschwört.  Zunächst standen für Mahler jedoch Budapest und danach der Umzug nach Hamburg an. Dort zur Totenfeier des Freundes Hans von Bülow, da war's Mahler so, als ob draußen vor Sankt Michaelis ein Vöglein sang

    von entlegenen
    Sternenkreisen die Töne
    fallen eisigkalt,
    Mark und Seele durchschneidend,
    hinunter durch blaue Nacht

da greift der Komponist einen Akkord, als hätt' er an der rechten Pforte angeklopft: c-moll, vier, fünf Takte, darauf klar und deutlich der ganze letzte Satz, wo die Hörner und Fanfaren, gefolgt von Pauken, großer Trommel, Becken, Triangel und alsbald das ganze große Orchester die mächtig einsetzenden Chorstimmen begleiten, wo schließlich alles erstirbt, um zu leben.

    Vom off'nen Fenster
    ein ans Ohr getrag'ner Klang,
    der nur von dorther
    kommen und berühren kann, –
    unendlich und von weit her.

Auferstehen, ja auferstehen wirst du,
mein Staub, nach kurzer Ruh!
Unsterblich Leben wird,
der dich rief, dir geben.
Was entstanden ist, das muß vergehen!
Was vergangen, auferstehen.
Sterben werd’ ich, um zu leben!
Auferstehen, ja auferstehen wirst du.
Was du geschlagen, zu Gott wird es dich tragen.
 
– aus Klopstocks Gedicht „Die Auferstehung“,
bearbeitet von Gustav Mahler –

*Durch das Rauhe zu den Sternen; durchs Dunkle zum Licht

Conrad Miesen
Sprung in den Seelenweiher

"Nepsis" oder "Wachsamkeit" nannten die alten Wüstenväter, d.h. jene Eremiten, die im 3. und 4. Jahrhundert n. Chr. in Ägypten lebten, eine Übung besonderer Art. Sie bestand darin, sich im Kellion (der Mönchs-Zelle) einfach niederzusetzen und es mit sich allein auszuhalten, ohne Gebete zu verrichten, zu lesen oder meditieren.
 
Wie der Fischer im Kahn erst wartet, bis das aufgewühlte Wasser ringsum sich beruhigt hat, um dann im klaren See die Wesen der Tiefe aufsteigen zu sehen und die Angel nach ihnen auszuwerfen, genauso geht es dem Mönch bei dieser Nepsis-Übung.
 
Während meiner Zeit als Gast im Kloster Marienstatt hatte ich spontan beschlossen, mich darauf einzulassen.
 
    Vor der Pieta
    eine Kerze entzündet.
    Sie hält die Wache,
    während sich in der Zelle
    der Seelenabgrund auftut.
 
Mit einer gewissen Bangigkeit zog ich mich in mein kleines Zimmer zurück.
Auf meinem Stuhl sitzend, die Augen halb geschlossen, hörte die Zeit im normalen Sinn auf zu fließen.  Sehnsüchte und Ängste kamen empor, Masken fielen. Voll Staunen entdeckte ich in mir selber unbekannte Regionen und empfand mich schutzlos vor Gott, aber auch getragen und angenommen von ihm.  ‚Die Seele ist ein weites Land...‘
 
Nicht aufgewühlt sondern gelöst und friedlich ging ich hinterher zur Vesper in die Kirche und hörte die Mönche mit ihrem lateinischen Wechselgesang und dem feierlichen Salve Regina zum Abschluss vor dem Seitenaltar der Pieta, der schmerzhaften Mutter Gottes.

Wolfgang Stock
Vier Rätsel-Tanka

Um welche Dinge ohne fest etablierten Namen geht es in den folgenden Tanka jeweils?

Damit verhilft man
A und O wie X für U
zum Fehlerhimmel.

Kleine Urnen aus Gummi:
Verwischt. Verweht. Vergangen.
          Radiergummibrösel

Die besten Kreise
fallen jäh darauf herein,
manchmal Stoß für Stoß.

An Karneval geht es gern
mal als Stimmungskanone.
          Der Auffangbehälter für Konfetti
          an der Unterseite von Lochern

Es grenzt für uns ab,
was uns noch nicht ganz gehört,
bremst die Wünsche aus.

Randerscheinung des Konsums –
legt sich für jeden ins Zeug.
          Das Trennelement an der Supermarktkasse

Sie sichern den Stand,
sind schon Babys ein Be-Griff,
halten Schritt und Tritt.

Ihr Recht auf einen Namen
tritt man auch mit ihnen selbst.
          Die Zehen zwei bis vier

– Wolfgang Stock

Wettbewerbe, Termine und Veranstaltungen

San Francisco International Competition

Zur San Francisco International Competition können noch bis zum 31. Oktober Haiku, Senryu, Tanka und Rengay in englischer Sprache eingereicht werden. Die Sieger des international bekannten Wettbewerbs erwarten Geldpreise in verschiedener Höhe. Darüber hinaus werden die preisgekrönten Beträge im Journal Mariposa veröffentlicht. Die Teilnahmegebühr beträgt $US1 pro Beitrag. Alle Einzelheiten finden sich auf der Webseite des Veranstalters.

Ausschreibung zum SternenBlick-Sammelband "Unruhige See(le)"
Noch bis zum 31. Dezember 2016 können Haiku, Haiku-Sequenzen, Senryu und Tanka für einen Sammelband unter dem Thema "Unruhige See(le)" auf der Webseite von SternenBlick eingereicht werden. Die Initiatoren dieser Ausschreibung planen im Frühjahr 2017 einen Band, dessen Erlös gespendet wird. Der vollständige Ausschreibungstext und die Teilnahmebedingungen finden sich auf der Webseite von SternenBlick.

The British Haiku and Tanka Awards
In den Kategorien Haiku und Tanka schreibt die British Haiku Society (BHS) einen Wettbewerb aus, zu dem noch bis zum 31. Januar 2017 Beiträge in beliebiger Zahl eingereicht werden können. Für die Beiträge, die in englischer Sprache eingereicht werden müssen, wird eine kleine Teilnahmegebühr erhoben. Die Gewinner erwarten Geldpreise. Die Einzelheiten zur Ausschreibung und die Teilnahmebedingungen finden sich auf der Webseite der BHS.

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. Februar 2017. Der Einsendeschluss ist der 31. Dezember 2016. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich, die Teilnahmebedingungen zu beachten.

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü