Ausgabe Februar 2015 - Einunddreißig

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Ausgabe Nr. 8 Februar 2015

Für die Februar-Ausgabe von Einunddreißig habe ich aus den Einsendungen eine Auswahl von 29 Tanka getroffen und einen meiner eigenen Texte beigestellt. Ein Tanka, das mich besonders anspricht, habe ich hervorgehoben und kommentiert. Als Sonderbeiträge erscheinen die Tanka-Prosastücke "Die Fesselung", "duomo", "Erdwerk", "Vorweihnachtszeit" und "Weggekommen" sowie die Tanka-Bilder "Sonnenuhr" und "Coeur de Marie".

 
 

Sonderbeiträge

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

der Ort wo ich aufwuchs
die Wiesen und Wälder
in blaues Licht getunkt
Dopplereffekt
meines wandernden Ichs
                 – Dietmar Tauchner

Durch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erzwungene Öffnung Japans setzte in allen Bereichen eine rasche Modernisierung des Landes ein. Diese wirkte sich unter dem Eindruck westlicher Literatur auch auf das Tanka aus, das nach Jahrhunderten in seinen Konventionen und Ausdrucksmöglichkeiten erstarrt, wenn nicht sogar erschöpft schien. Erst durch die Reformbewegung (Yosano Tekkan und Masaoka Shiki dürften ihre bekanntesten Vertreter sein) gelang es dieser im Niedergang begriffenen Form ein zweites Leben einzuhauchen, indem eine neue zeitgemäße Ausdrucksweise und thematische Öffnung propagiert wurde. Nachdem in den letzten rund 120 Jahren Markennamen, Gesprächsfetzen, Emoticons und Songtexte ihren Eingang ins Tanka gefunden haben, über Baseball, amputierte Brüste, Atombomben und Fische ohne Augen geschrieben wurde, scheint es keine Erscheinungen mehr zu geben, die sich das Tanka noch nicht zu eigen gemacht hat. Und dennoch gibt es einzelne Bereiche, die nur selten und zögerlich thematisiert werden; naturwissenschaftliche Phänomene gehören sicherlich zu dieser Gruppe. Auch wenn sich gelegentlich einzelne Vertreter an diesen Themenkomplex wagen, wie Nagata Kazuhiro, ein Spezialist für Zellbiologie, der über genetisch veränderte Katzen schrieb oder Ken Kasugai, der Stürme auf dem Mars in eines seiner Tanka einbezog, sind die Naturwissenschaften im Tanka vielleicht das letzte große Brachland.
Aus diesem Grund hat der hier hervorgehobene Text von Dietmar Tauchner auch besondere Beachtung verdient. Er soll exemplarisch für eine Reihe weiterer Tanka (sowohl von Dietmar Tauchner als auch Ralf Bröker) stehen, die in letzter Zeit erschienen sind und mit der Einführung astrophysikalischer Phänomene ins deutschsprachige Tanka, ja vielleicht sogar ins Tanka überhaupt, eine Neuerung darstellen.
Das vorliegende Tanka beginnt eher konventionell mit einer Bestandsaufnahme im Oberstollen (kami no ku). Das Lyrische Ich befindet sich am Ort seiner Kindheit oder Jugend, man könnte sagen der Heimat, obwohl dieses Wort nicht gebraucht wird. Dabei erscheint ihm das Grün der umliegenden Wiesen und Wälder in einem fremden Farbton. Dieses "getunkt"-Sein der Landschaft in ein "blaues Licht" ließe sich zunächst objektiv durch besondere Lichtverhältnisse kurz vor Sonnenauf- oder Untergang erklären, eine dünnen Reifdecke oder Nebel vielleicht.
Umso überraschender ist die subjektive Erklärung im Unterstollen (shimo no ku), der mit aller herkömmlichen Ästhetik bricht. Der im Text angesprochene Doppler-Effekt dürfte in irdischen Maßstäben allen bekannt sein, die schon einmal einen Notarztwagen an sich haben vorbeirauschen hören. So ist zu bemerken, dass das Martinshorn höher klingt, wenn das Fahrzeug auf uns zu kommt, und tiefer, wenn es sich wieder von uns weg bewegt. Dieses Phänomen findet sich auch in einem freilich größeren Maßstab im interstellaren Bereich. Bewegen sich Sterne aufeinander zu, verschiebt sich deren messbares Spektrum (sprich das Licht, das sie aussenden) zu kleineren Wellenlängen, also weiter in den Blaubereich. So versteht es auch das Lyrische Ich als Resultat seiner eigenen Bewegung, seines "wandernden Ichs", dass seine Umgebung in blauem Licht erscheint. Letztendlich ist es der Ausdruck des "wandernden Ichs", das dem Text eine mysteriöse Dimension verleiht, bleibt doch dessen eigentliche Bedeutung offen. Kann es sowohl sinnbildlich für ein unstetes Leben verstanden werden, wie auch als das nächtliche Umherstreifen im Traum zwischen den Wiesen und Wäldern des Heimatortes.
Die Vorgänge am Himmel und die davon ausgehende Faszination sind ein Thema, das sich schon in den Tanka des Man’yoshu finden lässt. Nicht zuletzt ist es doch der Blick in eine schier endlose Weite und Ewigkeit die uns unsere eigene Vergänglichkeit und Winzigkeit bewusst werden und unsere Träume in ferne Welten schweifen lässt und in denen wir unseren eigenen Widerhall suchen. Sind diese Vorgänge im klassischen Tanka jedoch meist mit Legenden, Mythen oder religiösen Geschichten verbunden, eröffnet Dietmar Tauchner durch naturwissenschaftliche Deutungen eine andere, moderne Blickrichtung. Diese erscheint dabei zwar als Bruch mit den konventionellen Betrachtungsweisen, steht aber in einer logischen Entwicklung. Ist doch in den letzten Jahrhunderten der Glaube an Mythen, Wunder und Religionen mehr und mehr dem Glauben und dem Vertrauen in die Wissenschaft gewichen.

Tanka-Auswahl Februar 2015

Du bist so perfekt
sagt er immer wieder
nach all den Jahren
wie gut dass er findet
Brillen stehen ihm nicht

                 – Valeria Barouch

eine leere puppe
abgelegte häute
stille metamorphosen
um mich
unmerklich...

                 – Ruth Guggenmos-Walter

Sonnenaufgang
auf dem Kopfkissen
ein Regenbogen
was könnte es sein, wenn nicht
der Abdruck meiner Träume

                 – Valeria Barouch

Zuflucht suchen
flüstern von "gute Nacht"
unbeantwortete
Fragen aus unserem Streit
hält unser Bett immer noch kalt

                 – Alexander Jankiewicz

Mein Lachen
im Spiegel
ist das der Mutter
ich trage es mit Blumen
an ihr Grab

                 – Christa Beau

blaue Stunde
selbst der Mond und die Wolken
verharren
ehe sie weiterziehen
im Angesicht deines Todes

                 – Silvia Kempen

"Kunst kommt von Können!"
ich erinnere mich an
Großvater
der mit Goebbels‘ Stimme
zu mir sprach

                 – Tony Böhle

Frühlingsduft –
unermesslich die Zahl
der Sterne
doch es ist das Mondlicht
das dein Lächeln vertieft

                 – Silvia Kempen

die vögel schlafen
nebel im tal und
in den stuben das
flackern der fernseher 
die nacht stellt alles still

                 – Gerald Böhnel

Wie einfach menschlich
die Heimat meines Herzens
in seiner Landschaft:
Klänge, plätschernde Wasser,
Sonne Mariä Lichtmeß.

                 – Horst Ludwig

Wurzeln – wie Hände
gekrallt in Stein
damals
 
Lautlos
die Schatten aushalten

                 – Reiner Bonack

Krächtsen der Krähen
Über unserem Wasser
Der frühe Nebel
Rauch aus dem Schornstein
Ruft leise den Tag

                 – Thomas Menke

Die Namen
abgelöst schon
von allen Türen
 
Ein vergessener Spiegel
blinzelt ins Licht

                 – Reiner Bonack

Die Euro-Münzen
im Portemonnaie mischen
sich auf der Reise.
Cervantes, Juan Carlos
neben den deutschen Eichen.

                 – Conrad Miesen

deine Spuren
im Tiefschneeglitzer
nichts zu sehen
von dir, meine Liebe
also bleibt's hängen

                 – Ralf Bröker

Zuckende Blitze
schreiben das Menetekel
lautlos am Himmel.
Ein Sommerabend brütet
endlos über dem Weiher.

                 – Conrad Miesen

zwischen
den Ringen
des Saturn
ich hebe mein Glas
auf das Vaterland

                 – Ralf Bröker

Mit meinen Ohren
den ganzen Raum durchwandern:
nichts außer der Uhr…
Verborgen bleibt die Fliege –
Ach, eine Mütze voll Schlaf!

                 – Conrad Miesen

Der Wind bläst mit
seiner schneidenden Stimme
vom frierenden Eis
querfeldein ein dunkler Punkt,
Wendekreis einer Seele.

                 – Beate Conrad

Seit Stunden Regen.
Ein Tag ohne Lichtblicke.
Alltagsgrau in Grau,
nur gestört von den Farben
eines bunten Kinderschirms.

                 – Wolfgang Rödig

Der Lärm der Straße
erglommen zur Melodie
nächtlichen Fiebers
und von fern der Glockenschlag
nimmt wen mit, der's nicht gedacht.

                 – Beate Conrad

Alle erfolgreich –
Mir
fließt der Strom aus
meiner Batterie… bald
ist der Rechner leer

                 – Angelica Seithe

in 7 Milliarden Jahren
wird die Sonne
erlöschen –
im Radio
Beethovens Fünfte

                 – Frank Dietrich

schlaflos –
Leuchtkäfer verharrt
an meiner Scheibe
schlingt einen Bogen in die Luft
lässt Nacht zurück

                 – Angelica Seithe

eine Raupe zertreten…
in der Nacht darauf
träumte ich
von Schmetterlingen
ohne Flügel

                 – Frank Dietrich

Zukunftspläne...
der Himmel voller
Vergangenheit
zurück bis zum
Anfang der Zeit

                 – Dietmar Tauchner

Schuldgefühle…
ich mutiere
zu einem Aal
und grabe mich ein
im Meeresboden

                 – Frank Dietrich

der Ort wo ich aufwuchs
die Wiesen und Wälder
in blaues Licht getunkt
Dopplereffekt
meines wandernden Ichs

                 – Dietmar Tauchner

eine einsame Krähe
streift meine Schulter
Aug' in Aug' stehenbleibend
werfe ich schließlich
dem Bettler etwas zu

                 – Heike Gericke

unsere kurzen Leben
ein Jahrhunderte währender
Wirbelsturm auf dem Jupiter
wettert und wettert
über unser Ende hinweg

                 – Dietmar Tauchner

Die Fesselung

In jenen alten Zeiten, als von E-Mail-Korrespondenz keine Rede war sondern Briefe mit der gelben Post zwischen Menschen zeitraubend wechselten und die Entwicklung von Schach-Computern noch in den Kinderschuhen steckte, hatte ich mich auf eine zermürbende Fern-Schachpartie mit einem Schweizer Freund eingelassen.
 
Durch etliche Störungen und unvorhersehbare Umstände erstreckte sich die gesamte Partie über 2 ½ Jahre und forderte den letzten Rest von Geduld und Kampfkraft heraus. – Mein Gegner geriet anfangs figurenmäßig in Rückstand, griff dann aber überraschend und gnadenlos an und machte mich vom Jäger zum Gejagten. Er nutzte meine positionellen Schwächen, opferte weitere Bauern und drang schließlich mit beiden Türmen (Alptraum eines jeden Spielers!) bis zu meiner Grundlinie durch.
 
    Trostloses Endspiel.
    Die Feuerkraft der Türme
    bläst mich beinah fort.
    Meinen Freibauern geb ich
    den letzten Marschbefehl aus.
 
Abend für Abend verbrachte ich damals grübelnd und analysierend viele Stunden am Schachbrett und lebte regelrecht in den jeweiligen Stellungsbildern, bevor ich den nächsten Zug per Brief auf die Reise schickte.
Oft war ich unfähig, mich von den 64 Feldern zu lösen oder die Figuren abzuräumen, was mir den Spott der ganzen Familie eintrug. Ein solches Maß an Besessenheit hatte ich nie zuvor erlebt, zumal ich mir noch gewisse Chancen auf einen letzten, erfolgversprechenden Gegenangriff ausrechnete.
 
    Unwägbarkeiten
    der Rochade: Meine Frau
    ruft mich zum Essen –
    Gefangen im Labyrinth
    der Kandidatenzüge …

– Conrad Miesen

duomo

sitzt
lehnt
wärmt sich
weiß der augen
ein junger mann
des doms am meer
steinerne kühle stufen
mit ellenbogen aufgestützt
tief steht schon die wintersonne
des blicks unter der schwarzen kapuze…
 
die ware im verschatteten torbogen auf eine decke gebreitet
 
    weiße reiher
    waten in der lagune
    auf staksigen füßen
    bilden sich streckende "Zs"
    vor dem azurblauen wasser

– Ruth Guggenmos-Walther

Erdwerk

Den ganzen sonnigen Sommer über war der Maulwurf damit beschäftigt, im Vorgarten die Alpen neu zu erschaffen, und ich damit, meine Blumen zu retten.  Doch nun war es Spätherbst – oder gar schon Winteranfang hier im Norden – und unsere Arbeiten waren allmählich zum Erliegen gekommen.
 
An einem solchen Tage klopfte es an meine Türe, – die ich bei dieser Witterung eigentlich kaum noch gewillt war zu öffnen – und zwar mit einem Pochen, das mich geradezu herausforderte.
 
    Eisig die Stimme,
    so sprach Starknebelnässe,
    heftig auf mich ein,
    und dreimal verneinte ich
    ohne einen Hahnenschrei.
 
Obgleich ich die Türe schnell wieder schloß, hatte sich Luft eingeschlichen, die süßlich und modrig zugleich roch und mich nicht ruhen ließ: Hatte ich nicht selbst so eine gerade zum Kauf gebotene Blumenschale mit weißer Heide, gelben Chrysanthemen und immergrünen Gräsern und sogar mit gleichem Arrangement auf das Grab meiner Familie gestellt?
 
Im Schlafe wälzte ich mich und vernahm noch den süßlich modrigen Geruch, während Raben mit spitzen Hüten und knorpeligen Krallen, die ihre ganze Habe auf einem Rollator zu transportieren schienen, mit ihren kehligen Rufen warnten, in stillen Tagen in die toten Städte Chrysanthemen, ja, Zeugen unserer Erinnerung zu tragen.
 
    Ihre Gesichter
    eingesunken zur Rune,
    nicht mehr zu lesen und doch
    erzählend von jenem Glück.
 
Noch in derselben Nacht machte ich mich auf und verwandelte so viele Ruhe-stätten wie ich irgend vermochte in ein Kerzenmeer. Erst spät am Tage kehrte ich heim und verpaßte fast im Vorgarten sein Licht auf frischen Hügeln.

– Beate Conrad

Vorweihnachtszeit

In der Innenstadt. So viele Lichter und Menschen.
Ich weiche aus. Es scheint, als gehe ich gegen den Strom. Niemand sieht mich an. Alle eilen vorbei. Von Kaufhaus zu Kaufhaus. Manche die Hände voller Tragetaschen.
An einer Gabelung musiziert ein Mann, den offenen Geigenkasten vor sich. Darin nur ein paar Cents. Auch er für die meisten unsichtbar - wohl auch unhörbar.
 
    hörst du den Wind
    wie er rauscht und klappert
    unermüdlich
    um nicht vergessen zu werden
    in dieser hektischen Welt

– Silvia Kempen

Weggekommen

Es war bei uns noch Winter, als unser Dorf evakuiert wurde, denn die Front sollte zurückgenommen werden. Ich erinnere mich noch an meinen letzten Blick den Kirchberg hinauf, auf unsre alte Kirche, noch eine Wehrkirche, wie ich später lernte, innen mit herrlicher Barockausstattung, - und auch das mit dem besonderen Barock da lernte ich natürlich erst später. Aber ich hatte da Sonntag für Sonntag unter einer schönen Madonna gesessen (auch diese Bezeichnung lernte ich erst später, und daß das für ein kleines Dorf etwas ganz Besonderes war), und das mußten wir lassen. Unser Treck zog im Morgengrauen aus dem Dorf nach Süden. Später hörte ich, daß die Kirche noch von unsern zerschossen wurde, um zur Schlacht freies Schußfeld zu haben. Vielleicht sind wir deshalb noch sicher weggekommen.
 
    Wir zogen weiter.
    Und in dem Schneegebirge,
    im Goldwassergrund
    alles gefroren, alles
    steinhart, doch ging es weiter
 
Als wir in das erste Dorf kamen, wo die Leute nicht mehr unsere Sprache sprachen, entschied meine Mutter, daß wir uns von dem Treck lösen sollten. Unser kleiner Trupp, sie, mein Bruder und ich, wir setzten uns also von den andern ab und zogen allein westwärts weiter.

– Horst Ludwig

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. Mai 2015. Der Einsendeschluss ist der 01. April 2015.

 
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