Ausgabe Mai 2016 - Einunddreißig

Suchen
Direkt zum Seiteninhalt

Hauptmenü:

ältere Ausgaben > 2016

Ausgabe Nr. 13 Mai 2016

Editorial

Recht ungewöhnlich für die Mai-Ausgabe eines Magazins beginne ich meine Geschichte am 14. Januar. Doch es ist nicht einmal der 14. Januar des Jahres 2016 sondern der des Jahres 1791. Just an diesem Tag vermerkte ein gewisser Wolfgang Amadé Mozart in seinem Verzeichnüss aller meiner Werke die Komposition dreier Lieder, unter denen sich auch das Lied Sehnsucht nach dem Frühling befand. Viel bekannter dürfte es unter seiner Anfangszeile "Komm, lieber Mai, und mache" sein. Die Melodie dem kurz zuvor fertiggestelltem Klavierkonzert Nr.26 entlehnt, in einfacher Weise gesetzt, ist es eines der wenigen Bespiele dafür  Schuberts Lindenbaum ist ein weiteres , wie einem Kunstlied der Einzug in Volksliedgut gelungen ist.
Mozarts Lied auf einen Text von Christian Adolph Overbeck handelt von einem Kind, das sich den Frühling mit den Möglichkeiten zum Spielen im Freien wünscht. Ebenso wie Schuberts Lindenbaum, gilt es im Volksliedgut als Frühlingslied, ist aber eigentlich ein Winterlied, das eine Vision des fernen Frühlings heraufbeschwört. Was zur Popularität des Liedes beigetragen hat, ist neben einer eingängigen Melodie und etwas Zufall der verständliche Text. Der Wunsch nach Wärme, Licht, Farbe und einem leichteren Leben gerade inmitten des Winters ist heute wie damals unverändert, selbst wenn unser Leben im Wandel der Jahreszeiten heute weniger hart ist. Auch wenn die alten Volkslieder heute wohl nur noch im Musikunterricht vorgetragen werden, könnten sie die meisten doch mitsingen.

An dieser Stelle sei noch einmal daran erinnert, dass auch das Tanka – wie dessen japanischer Name "kurzes Lied" schon sagt – ursprünglich gesungen oder zumindest als Sprechgesang vorgetragen wurde. Dies ist heute in der Praxis nicht mehr der Fall und Tanka werden wie andere Gedichte auch vorgelesen. Doch genauso wie Volkslieder bei uns sind in Japan einige Tanka so berühmt geworden, dass jeder sie kennt. Dies sind in erster Linie die antiken Waka aus dem Kokin Wakashu und den darauffolgenden kaiserlichen Sammlungen. Doch auch einige moderne Autoren wie Saito Fumi, Nakajo Fumiko, Terayama Shuji, Kuriki Kyoko und Tawara Machi haben Tanka geschaffen, die in keiner Anthologie des 20. Jahrhunderts fehlen dürfen. Aber wem ist schon der große Wurf vergönnt, den eigenen Vers irgendwann in aller Munde zu finden? Mit dem deutschen Tanka stehen wir im Moment noch am Anfang. Aber vielleicht finden wir am Ende des Jahrhunderts in einer Anthologie ja das eine oder andere Tanka aus der neuesten Ausgabe von Einunddreißig, die jetzt online steht.

– Tony Böhle

Tanka-Auswahl Mai 2016

Aus den Einsendungen, die zwischen dem 02. Januar 2016 und dem 01. April 2016 eingereicht wurden, habe ich für die Mai-Ausgabe von Einunddreißig eine Auswahl von 29 Tanka getroffen und einen meiner eigenen Texte beigestellt. Jeder Teilnehmer konnte bis zu zehn Tanka einreichen, von denen maximal fünf in die Auswahl aufgenommen werden. Die ausgewählten Texte stehen nachfolgend alphabetisch nach den Autorennamen aufgelistet. Ein Tanka, das mich besonders anspricht habe ich hervorgehoben und kommentiert.

Ein Tanka, das mich besonders anspricht

Schwangerschaftstest…
das Warten
des Urozeans
auf die kambrische
E x p l o s i o n
                 – Frank Dietrich

Die Geburt eines Kindes, besonders die des ersten, ist eine einschneidende Veränderung im Leben. Ob diese positiv oder negativ empfunden wird, ist durchaus unterschiedlich. Erst vor einigen Monaten sorgte das Buch "Regretting motherhood" der israelischen Soziologin Orna Donath für heftige Kontroversen, da sich erstmals Frauen in einem größeren Umfang dazu bekannten, ihre Mutterschaft zu bereuen und damit der geltenden gesellschaftlichen Anspruchshaltung widersprachen.
Zwar berichtet Frank Dietrichs Tanka hier nicht von der Geburt, aber doch vom Warten auf das Ergebnis eines Schwangerschaftstest. Die genauen Umstände der Situation bleiben im Verborgenen. Wie die Segmente c-e es nahelegen, scheint es sich nicht um ein ängstliches Warten zu handeln, in der Hoffnung der Schwangerschaftstest bliebe negativ. Vielmehr ist es wohl das sehnliche Warten, dass sich ein lang gehegter Kinderwunsch erfülle, der bislang wohl – aus welchen Gründen auch immer – ausblieb.
Ungewöhnlich ist in diesem Tanka auch die Aufteilung zwischen Oberstollen und Unterstollen, die dem klassischen Ideal nach aus drei Segmenten zu 5-7-5 Moren (Silben) und 7-7 Moren (Silben) geschehen sollte. Der Umbruch zwischen den Stollen findet hier allerdings ungewöhnlich früh – bereits nach dem ersten Segment  statt und ist dennoch gelungen. Auch wenn es minimalistisch wirkt ein einzelnes Wort als Oberstollen zu platzieren, schafft es das Wort "Schwangerschaftstest" durch die mit ihn assoziierten Gedanken, Umstände und Gefühle ein ausreichendes Gegengewicht zu den vier Segmenten des Unterstollens zu bilden.
Eben diese schaffen einen fantastischen Bezug zum Segment a, indem sie eine Schwangerschaft, beginnend mit der Befruchtung und Zellteilung mit einem der bedeutendsten Entwicklungsschritte des Lebens auf der Erde, der kambrischen Explosion, vergleichen. Dieser Vergleich ist keinesfalls abwegig, scheint er auch noch so weit hergeholt. Als kambrische Explosion wird in der Wissenschaft das fast gleichzeitige, erstmalige Vorkommen von Vertretern fast aller heutigen Tierstämme in einem geologisch kurzen Zeitraum von 5 bis 10 Millionen Jahren zu Beginn des Kambriums vor etwa 543 Millionen Jahren bezeichnet. Die Fossilien des Kambriums belegen erstmals Lebewesen mit rechts-links-Symmetrie und einer zusätzlichen von oben nach unten verlaufenden Längsachse des Körpers. Diese Bilateria, zu denen auch der Mensch gezählt wird, stammen vermutlich alle von einem gemeinsamen Vorfahren mit diesen Merkmalen ab. Auch in Anbetracht der von Ernst Haecke im Jahr 1866 aufgestellten Grundregel der Biologie, die besagt, dass die Ontogenese (Individuelle Entwicklung) eines Lebewesens seine Phylogenese (Stammesgeschichte) rekapituliert, ein treffender Vergleich. Nicht weniger treffend und auch poetisch wird aus diesem Zusammenhang der mütterliche Schoß zum Urozean, dem alles Lesen entstammt. Auch die Gestaltung des Wortes Explosion mit Mitteln der konkreten Poesie in Segment e wirkt dabei effektvoll.
Frank Dietrichs Tanka folgt einer Bewegung, die in den letzten Jahren im Bereich der japanischen Versformen immer stärker Zulauf gewonnen hat und verwebt Menschliches mit naturwissenschaftlichen Bezügen. Ein Gestaltungsmittel, das hier kunstvoll und überzeugen eingesetzt wurde.

Die Auswahl

Ausflügler im Zug
reden als wär' ihnen heimisch
meine alte Heimat
sie zieht an mir vorbei
schon lange fremd geworden

                 – Valeria Barouch

Sein Gesicht
  mit den Händen bedecken
  und sich wegducken,
ich hab kaum Mut zu fragen,
  was ihnen passiert

                 – Haruhiko Ichinomura

der frühling föhnt
den winter weg – die nase voll
mit pollen
aktuelle nachrichten
aus dem autoradio

                 – Sylvia Bacher

drei Etagen
Stufe für Stufe hinauf
der Blick
in die Ferne
zu den Kranichen

                 – Silvia Kempen

zwanzig vor acht,
langsam trennen sich
die Zeiger der Uhr –
ich gehe, beginne meinen Tag,
du bleibst und beginnst deinen

                 – Tony Böhle

losgelöst
auf Wolken getragen
einen Sommer lang
und als der Winter kam
ausgerutscht

                 – Silvia Kempen

Wieder daheim
nach langer Reise
grüßt mich
das vertraute Rauschen
der Fernzüge

                 – Gerald Böhnel

von den Soldaten
an der Hand geführt
Schritt für Schritt
über die Minenfelder
der Wind

                 – Eva Limbach

Der alte Bahnhof
hier stand ich als Kind
zählte die Wagen
 
Rost frisst
das Gleis zur Ferne

                 – Reiner Bonack

überall bekannt
der Stadtstreicher mit seinem
bunten Pappbecher –
morgen schon werde ich ihn
nach seinem Namen fragen

                 – Eva Limbach

Das alte Notizbuch
fleckig vom Regen
damals am Meer
 
Für immer verwischt
die Worte, die Stimmen

                 – Reiner Bonack

Durch die lange Schlucht
galoppiert ein wildes Pferd
auf mich zu, ich hör's
deutlicher und deutlicher,
wie's hallt aus hohlem Gestein.

                 – Horst Ludwig

täglich ein wenig
müder in die Dämmerung
gleiten
Mutters Hand auf der Decke
immer noch zart und weich

                 – Brigitte Ten Brink

diese brötchen
in der auslage
sie trocknen vor sich hin –
und doch
warten auch sie

                 – Wolfgang Luley

auf der Bühne
stirbt er tausend Tode
der alte Held
kämpft um seine Ehre
in Kompressionsstrümpfen

                 – Ralf Bröker

Psalm vierundachtzig.
"Herr, sie jauchen zu dir hin!"
les ich und lache –
Schon wieder ist es aktiv,
das Druckfehlerteufelchen.

                 – Conrad Miesen

Der Entwickler fürs
Autoantiklauprogramm
eifrig und begabt –
aber kann die Sonne die
Schatten bannen, die sie wirft?

                 – Beate Conrad

Was will man machen?
Ein Dasein in Erwartung
des nächsten Rückschlags.
Durch zwei geteiltes Schicksal
an der Tischtennisplatte.

                 – Wolfgang Rödig

wie Wellen singen
auf den Schwingen des Windes
wie zu tiefster Nacht
übers Land Nebel weben
Zeit als wär's auch Ewigkeit

                 – Beate Conrad

Kartoffelfelder...
mir ist schnell ein Sehnen nah,
wenn ich sie schaue
und ihr Kraut mein Bein kitzelt!
Viel Früheres dann hochkraucht...

                 – Dyrk-Olaf Schreiber

nach dem Streit
schläfst du seelenruhig…
ich aber liege
hellwach und zittere
vor den Nachbeben

                 – Frank Dietrich

sperrhölzern
heut deine Stimme
am Telefon
mit den Fingerspitzen der
Seele Splitter vermeiden

                 – Angelica Seithe

als sähe ich mich selbst
im Erdboden
versinken
so sehr könnte ich mich
für mich fremdschämen

                 – Frank Dietrich

großer Baum –
im Februarnebel
mit jeder Ader
seiner verzweigten Gedanken
ausgeliefert dem Grau

                 – Angelica Seithe

Schwangerschaftstest…
das Warten
des Urozeans
auf die kambrische
E x p l o s i o n

                 – Frank Dietrich

hinter der Scheibe
unterm rotseidnen Horizont
tickt unermüdlich
die standby-Leuchte meines
jugendlichen Computers

                 – Angelica Seithe

wieder bei null:
meine kinder
und kindeskinder
abgetrieben
im präkambrischen meer

                 – Frank Dietrich

mehr als 1000 Jahre
wuchs das Moor
schwankend
auf seinen Tümpeln
verschwimmt mein Bild

                 – Helga Stania

Keiner
in meiner Familie
wurde älter als neunzig.
Warum mache ich mir dann
Sorgen für tausend Jahre?

                 – Frank Dietrich

Leichter Wind am Teich
er wehte die Libelle
sanft auf meine Hand
gönnt mir aber voller Neid
nur zwei Sekunden Staunen

                 – Erika Uhlmann

An kargen Tagen

an denen wohl was fehlt, vertieft der Blick im Teppich. Der ähnelt mit seinen auffallenden Quadraten einem Flickenteppich. Seine Quadrate bestehen aus Schurwolle in weiß, beige und schwarz.
Genauer betrachtet, ist das Weiß jedoch nicht einfach weiß, das Beige nicht nur beige und das Schwarz auch nicht schlicht schwarz. Selbst die Quadrate sind nicht bloß quadratisch, sondern bilden Rechtecke mit Streifen, aus denen sich wieder andere Quadrate formen.
In manchen dieser Streifen – meistens den breiteren – entstehen melierte Töne und sogar Versponnenes, wenn sich die Fäden richtig zusammentun. Das macht also jene Rechtecke aus, wo Schwarz wie Blau wirkt, mal stärker, mal schwächer. So eben sind diese Tage...
 
    Ein neues Sturmtief.
    Das Schiffchen taucht zwischen Web-
    Fäden auf und ab,
    und so wandelt in allem
    der Wagemut eines Traums

– Beate Conrad

Ankunft

Einen Brief aus Leinenpapier findet sie im Postkasten, auf den die Frühfebruarsonne scheint. Auf dem länglichen Umschlag stehen durchgestrichene Adressen, ein paar Stempelzeichen und daneben ein neuer Aufkleber mit ihrer neuen Adresse.
Beim Lesen des Absenders entfährt ihr ein "ach", dann leiser ein "ja". Etwas später öffnet sie das reichlich gereiste und so doch ziemlich zerknitterte Langcouvert mit einem einzigen Messerschnitt. Schnell, sauber, gerade.
Aus dem ehemals cremeweißen Umschlag zieht sie einen gleichfarbigen Bogen hervor, der mit einer Handschrift in blauer Tinte bedeckt ist. Klar, kantig, männlich.
Die teils breiteren, dann wieder dünneren Auf- und Abstriche verraten ihre eigene Dynamik und die der Tintenfeder. Die Wörter "fast schmerzhaft" stechen hervor wegen ihrer dunkleren Tintentönung und der leichten Krümmung der gesamten Zeile.
Der Brief beginnt mit "Liebe". Aber dann entfaltet sie dieses Schriftstück nicht weiter, sondern schiebt es in seinen Umschlag zurück.
 
    Leichte Infektion,
    die sich spürbar ausweitet
    zu dem, was sie ist.
    Bei starkem Flockenflaumfall
    die Fahrt, die ersten Wehen.

– Beate Conrad

Ich lerne sehen

Hat denn Paris uns die Augen geöffnet? Lernten wir sehen wie der junge, schwermütige Däne Malte Laurids Brigge in Rilkes gleichnamigem Roman?
 
Keine Postkartenmotive blieben haften – handbreit unter der Oberfläche des Bewusstseins. Wir erstarrten beim Anblick der schmerzverzerrten Gesichter der Verdammten am Hauptportal von Notre Dame, stiegen später auch zu den Fratzen und Chimären der Wasserspeier empor…
 
In der Conciergerie, wo zeitweise bis zu 1200 Gefangene untergebracht waren, sehe ich die Zelle von Robespierre, weiterhin auch den Raum, wo man den Verurteilten die Haare abschnitt, zuletzt die Guillotine, die Treppe, das Beil in diesem Gruselkabinett der französischen Revolution.
 
Am Tag darauf schlendern wir morgens durch den Innenhof und die Gartenanlagen des Palais Royal, eine Oase der Ruhe gegenüber dem tosenden Verkehr der französischen Metropole. Nach dem genießerischen Betrachten von Figurengruppen, einem Bassin und von exotischen Bäumen folgt sogleich wieder die Ernüchterung:   städtische Angestellte fangen mit Bodennetzen und Lockfutter ganze Scharen von Tauben ein und transportieren sie in Holzkäfigen ab.
 
    Nach dem Geflatter
    im Park des Palais Royal
    furchtbare Stille –
    Durch Rilkes schlaflose Nacht
    läuten die Straßenbahnen…

– Conrad Miesen

Tulpe

父知らず母をも知らず鬱金香球根といふ牢破り出づ
ちちしらずははをもしらずうこんこうきゅうこんというろうやぶりいず


Kennt keinen Vater
  und auch keine Mutter,
so bricht die Tulpe
  aus dem Gefängnis
  ihrer Zwiebel aus.


をさなごのこころ白妙夏の砂むごき言の葉受けて零さず
おさなごのこころしろたえなつのすなむごきことのはうけてこぼさず

Ein Kinderherz
  ist blütenweißer Sand
  am Sommer-Strand.
Austrinkend und aufnehmend
all die grausamen Wörter.


セピア色心に棲める悲しみの影を辿れば父母の諍ひ
セピアいろこころにすめるかなしみのかげをたどればふぼのいさかい

Sepiafarben
  die Schatten meines Schmerzes,
ich folge ihnen ins Herz.
Hier sehe ich Zerwürfnisse
  zwischen Vater und Mutter.


青空のほのかに霞む春の野に一人遊びて独りを知らず
あおぞらのほのかにかすむはるののにひとりあそびてひとりをしらず

Im Frühlingsfeld
  unter dunstig blauem Himmel
  spielt er allein.
Doch weiß der Knabe nicht,
  was Einsamkeit bedeutet.


心てふジグソーパズル癒す時かけらの一つ失ひてをり
こころちょうジグソーパズルいやすときかけらのひとつうしないており

Aus dem Gedächtnis
  füg ich es zusammen,
  das Puzzle des Herzens,
doch kann ich es nicht finden,
das Teilchen der Freude.


口論の末に倒さる円卓を片付くる母は無言なりけり
こうろんのすえにたおさるえんたくをかたづくるはははむごんなりけり

Nach dem Streit war
  Mutter still geworden,
  räumt den Tisch ab,
wie er war: umgeworfen
von unserem Vater.


逆らひて縁の外へと蹴落とさる口下手な父は海軍大尉
さからいてえんのそとえとけおとさるくちべたなちちはかいぐんたいい

Dem Vater widersprochen,
  mit Tritten traktiert
  bis in den Garten.
Schlecht ist er im Reden,
  und ein Kapitänleutnant.


酔ひ回り陽気に騒ぐ男ども酒の香りはエゴの溜息
よいまわりようきにさわぐおとこどもさけのかおりはエゴのためいき

Betrunken werden
  und darauf lustig lärmen.
Männer!
  Der Duft des Alkohols
ist Seufzer ihres Stolzes.


鬱金香痩せ地にひよろり少年の夢に応へて鎌首もたぐ
うこんこうやせちにひょろりしょうねんのゆめにこたえてかまくびもたぐ

Die Tulpe dort
  hebt den Kopf wie eine Schlange
  lang aus dürrem Land,
erfüllend, beantwortend
  den Traum des Knaben


鬱金香粘土まじりの庭のすみ己を食ひて花を咲かせり
うこんこうねんどまじりのにわのすみおのれをくいてはなをさかせり

Die Tulpe dort
  in einer kargen Ecke
  des lehmigen Gartens
verzehrte sich und
ist aufgegangen.


母に負け花叩く背は花よりも悲しき姿少年の父
ははにまけはなたたくせははなよりもかなしきすがたしょうねんのちち

Schwächer als Mutter,
  zerschlug er nun die Blumen.
Der Rücken des Vaters
  war trauriger als die Tulpe
in Stücken auf der Erde.


諍ひの犠牲となりて鬱金香首落とされて春を終はりぬ
いさかいのぎせいとなりてうこんこうこうべおとされはるをおわりぬ

Als Opfer des Kampfs
  wurde sie enthauptet.
Nach dem Krieg im Haus
  beendete die Tulpe
  ihren kurzen Frühling.


春うらら時は止まりぬ鬱金香針振り切れて心壊れり
はるうららときはとまりぬうこんこうはりふりきれてこころこわれり

Im heiteren Frühling
  scheint die Zeit still zu stehen.
Die Tulpe hat jetzt
  die Blüte abgeschüttelt,
  den Duft verloren.


あきらめて黙する内に棘の木の双葉育む記憶の庭に
あきらめてもくするうちにとげのきのふたばはぐくむきおくのにわに

Hoffnungslos schweigend
  eine Knospe öffnend,
eine Knospe,
  die vom Dornenbaum stammt
  im Garten des Gedächtnisses.


飼ひ馴らし心の底に沈むれど夢見る間にも牙研きをり
かいならしこころのそこにしずむれどゆめみるまにもきばみがきおり

Tief im Herzen
  versenke und zähme
  ich nun das Gespenst.
Doch wetzt es seine Zähne
auch während es noch schläft.


棘の木に紅き花咲き白々ときのふの様にけふは現る
とげのきにあかきはなさきしらじらときのうのようにきょうはあらわる

Am Dornenbaume
  blüht es rot im Herzen.
Da kommt es ganz weiß,
  das Morgen wie das Gestern
  farblos und dämmerig.


生くるすべ知らざる子らは怯えつつ心を閉ぢて父母に従ふ
いきるすべしらざるこらはおびえつつこころをとじてふぼにしたがう

Wie sollen nur
  die Kinder überleben?
Aus lauter Furcht
  ihre Empfindsamkeit
  mit Gehorsam tarnend.


周到に謀りこつ母ワレ庇ふたつた一人を好きにはなれず
しゅうとうにはかりこつははワレかばうたったひとりをすきにはなれず

Sorgsam und listig
  schützte sie den Knaben
Doch mit seiner Mutter,
  berechnend wie sie auch ist,
  versteht er sich nicht.


安打と子に教ふ父その胸の闇の深さを未だ測れず
やすうちとこにおしうちちそのむねのやみのふかさをいまだはかれず

Soccer spricht sich
  ZoCer aus, so belehrt
  der Vater den Sohn.
Ich kann sie noch nicht messen
  die Dunkelheit seines Schmerzes.


目を閉ぢる枯れることなき鬱金香ありしながらの苦き思ひ出
めをとじるかれることなきうこんこうありしながらのにがきおもいで

Doch du verdorrst nicht,
  schließe ich die Augen.
Tulpe, du bleibst
  in meiner Erinnerung
  ein bitterer Nachgeschmack.

                        – Haruhiko Ichinomura

Warten

Gerade hatte sie dem Chef noch seinen Lieblingstee gebracht, und jetzt steht sie vor der Ampel. Werd' schon grün, schimpft sie: Zu Hause wartet seine Wäsche, und er muss doch auf Dienstreise.
 
    in den Teig
    knetet Mutter
    etwas Mehl
    die Jahre allein
    die Bombennächte
 

– Ralf Bröker

Zwei Gärten

An diesem leeren Tisch, mich sträubend Licht zu machen, sehe ich zu, wie der Garten langsam im Dämmer versinkt, und meine Gedanken wandern zu jenem früheren Heim, wo ich mir, mit einer Tretnähmaschine als Behelf und ohne zu wissen, was daraus erwachsen würde, einen Schreibplatz am Fenster herrichtete. Ah, die Gedanken, die ich dort zu Papier brachte: Gekritzel, zusammengefügt zu einem Patchwork aus Traum und Erinnerung. Und dieser Blick auf den Garten, eine Wiese mit verstreuten Bäumen, wo die Kinder heranwuchsen zwischen flüsternden Gräsern und sich wandelnden Zweigen, immer erinnerte er an ihre frühen Jahre.
  
Aber ja, die Kirsche wird nun bald den Frühling ankündigen und es wird wohl auch schneien, heißt es: Ganz wie damals als sie geboren wurde. Ihre erste Runde unter den Bäumen, eingemummt in meinen Armen — nein wirklich, wie zerbrechlich wirkte sie da inmitten der Blüten, dass ich mich fragte, darf ich sie wohl behalten? Aber schon bald verbrachte sie ganze Tage strampelnd auf einer Decke, wo sie dem Rauschen der Blätter lauschte und deren Schattenspiel verfolgte,
 
    Licht und Dunkel
    fest in ihren Fäusten,
    was zu sehen                          
    wird ihr gegeben sein     
    diesem kleinen Mädchen?
   
Um sie herum die Quitten, deren Duft und goldener Glanz, aber zuerst ihr Bruder, zurück von jenseits des Zaunes kletterte er in den Pflaumenbaum, süßere Früchte zu pflücken, und später, als es schon kalt wurde, rechten wir das Laub beisammen und warfen es in die Lüfte, rechten es und warfen es wieder hoch: ein bunter Teppich für den Frost.
 
Im Winter gehörten die Bäume den Vögeln; nur selten kletterten die Kinder dann in die Kirsche. Aber an jenem Tag, zur Wintersonnenwende, hockten sie in ihren Steppjacken auf einem Ast, Meisen mit aufgeplustertem Gefieder im Abendrot, und ein weiterer Ast hält den Puppenwagen für ihr neuestes Spiel. Von meinem Platz aus kann ich sie kaum noch ausmachen und, nun, wie es aussieht, möchten sie das auch nicht länger. Das stete Schaukeln meiner Füße auf dem Tritt verleiht meinen Gedanken Flügel; einem Weberschiffchen gleich fliegen sie bald hierhin, bald dorthin, weben einen zarten Stoff aus
 
    Tau und Reif
    bald verbergen, bald färben
    sie das Laub
    bald üppig, bald spröde
    in diesem Garten auf Zeit
 
    Spinnenfäden
    bald verborgen, bald schimmernd
    von Baum zu Baum;
    lasst uns zusammenrücken
    denn es riecht schon nach Herbst
 
oder so will es mir scheinen, als ich plötzlich fröstle und mich beeile, die Lampe anzuzünden. In der Tür stehend, höre ich die Kinder plaudern; im letzten Licht rufe ich sie herein.
– Ingrid Kunschke

Erstveröffentlichung in Skylark 3:2, Winter 2015. Übersetzung aus dem Englischen: Ingrid Kunschke.

Das Tanka als äußerer und innerer Dialog

    Lieben soll man
    seine Feinde, heißt es –
    doch schlägt dich einer
    auf die linke Wange, sag,
    was würdest du dann tun?
                       – Tony Böhle
 
Na, sag ich doch, wie im amerikanischen Sprichwort: Keep your friends close, keep your enemies closer. Einfach die Feinde immer schön dicht, unter Beobachtung und Kontrolle, damit man im Zweifelsfall... Blöd is nur, daß das mit der ständigen Überwachung – naja, die is derweil leichter  ganz schön anstrengt. Und das ständige Hinterhergerenne und so tun als ob,  und wenn der dies, dann ich das  das gibt manchmal ganz schön heftige Verwicklungen. Is fast wie im Roman oder im Kino. Nur daß es da meistens gut ausgeht.
 
Da is nu da die Rede von "soll". Pah, das heißt doch gar nichts, reine Makulatur. Soll man seine Feinde wirklich lieben? Und dann: "heißt es". Da ham wir's doch! Kann ja jeder sagen. Also 'ne Annahme. Was, is nich nur hypothektisch? Soll soll 'ne Befehlsform sein? Aha, also soll man. Und wie! Ja, wie denn? Und wer befiehlt und wo steht 'n das? Achso, Jesus, Bibel, Neues Testament, zweites Gebot. Lieben soll man also den Nächsten wie sich selber? Hm. Doppel-hm...
Mann, da regt sich doch Widerspruch. Daß ich meine Freunde so 'n bißchen mag, na, von mir aus. Aber meinen Feind, der mir ans Leder? Also, hör mal, wenn ich dem jetze nich..., dann bin ich geliefert, verstehste. Wenn ich dem jetze keine Grenzen setze, lernt der das doch nie. Und ich, ach was, wir... Mann, die ganze Gesellschaft hat doch das Nachsehen. Von dene laß ich mir doch nich aufer Nase rumtanzen. Mußte doch zugeben. Von wegen rechtswangiges Duckmäusertum!
Wie? Was? Bibel? Neues Testament, Bergpredigt? Nee, nich schon wieder! Was is mit Auge um Auge, mit Zahn um Zahn? Das is Bibel! Oder etwa nich? Das versteht jeder. Was sachste? Die Liebe ist das wichtigste Gebot, mit dem alle andern erfüllt sind? Wie noch andre? Zehn am Stück? Da käm ich noch günstig mit dem einen davon, wenn ich mich ab und zu mal verprügeln lasse? Sado-Maso jetze? Und das soll 'n günstiges An-Gebot sein? Willste mich verar... , oder was?

Jetze guck ich doch selber mal in den Schinken. Wär ja wohl gelacht! Siehste, hab ich doch gleich im Urin gehabt. Selbst dieser Jesus beschwert sich vorm Hohen Rat bei der Anhörung vor seiner Verurteilung. Karfreitag, nä, ham wir bald wieder! Nämlich als der Gerichtsdiener ihm eens uffe Fre...: "Habe ich etwas Unrechtes gesagt, so beweise es mir; habe ich aber recht geredet, warum schlägst du mich dann?"
Siehste, ich muß nur wissen, daß ich im Recht bin, wenn ich einem eins verpassen will. Und daß ich das bin, dafür werd ich schon sorgen. Wie, ich hab da was innen falschen Hals? Ich muß dem Andern nachweisen, daß der nich im Recht is? Is das nicht das gleiche? Wie, auch noch bevor ich zuhaue? Wo kämen wir denn da hin?
 
Was? Kant? Was für'n Jesus is 'n das schon wieder? "Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne"? Häh, das is mir zu hoch und zu geschwollen. Deutscher Philosoph, aha. Sind denne jetze Freunde und Feinde alle gleich? Soweit kommt's wohl noch! Schon wieder selber lesen? Mann, das artet ja in Arbeit aus. Also: Handle so, daß du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst. Klingt in meinem Ohr auch nich einfacher. Von wegen feine innere Haltung und ethekpetete, ... der Kant war doch wohl mit dene Gesockse bekannt. Denn der Zweck heiligt doch die Mittel, oder? Aber jetze, jetze raucht mir echt der Kopp.
– Beate Conrad

nächste Ausgabe

Die nächste Ausgabe von Einunddreißig erscheint am 01. August 2016. Der Einsendeschluss ist der 30. Juni 2016. Für die Einsendung von Beiträgen bitte ich die Teilnahmebedingungen zu beachten.

 
Zurück zum Seiteninhalt | Zurück zum Hauptmenü